In Russland heben immer mehr Menschen große Geldbeträge von ihren Bankkonten ab. Offenbar wächst die Sorge um die Sicherheit der eigenen Ersparnisse. Die Entwicklung wird zunehmend auch für die russischen Banken und den Staat zu einem Problem.
Allein in den ersten beiden Augustwochen 2026 wurden rund 286,4 Milliarden Rubel in bar abgehoben. Das entspricht ungefähr 2,9 Milliarden Euro. Bereits im Juli waren umgerechnet rund 6,3 Milliarden Euro aus den Banken abgeflossen.
Seit Jahresbeginn summieren sich die Bargeldabhebungen auf rund 24 Milliarden Euro. Damit haben sie bereits eine bemerkenswerte Größenordnung erreicht. Im gesamten ersten Jahr nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Februar 2022 waren es umgerechnet etwa 20 Milliarden Euro.
Fürchten Russen einen Zugriff des Staates auf ihre Konten?
Eine mögliche Erklärung ist ein wachsendes Misstrauen gegenüber dem Staat und dem Bankensystem. Teile der Bevölkerung befürchten offenbar, dass der Staat zur Finanzierung des Krieges auf private Ersparnisse zugreifen könnte.
Auch aus der russischen Bankenbranche wird diese Sorge als Grund für die hohen Bargeldabhebungen genannt. Äußerungen von Politikern über einen möglichen Zugriff auf privates Vermögen hätten Kunden verunsichert.
Eine tatsächliche Beschlagnahmung privater Bankeinlagen gilt zwar nicht als wahrscheinlich. Denkbar wären im Fall größerer Probleme allerdings Beschränkungen bei Bargeldabhebungen. Bereits die Angst davor kann Menschen dazu bewegen, vorsorglich Geld vom Konto zu holen.
Allerdings lässt sich nicht der gesamte Anstieg mit einem Vertrauensverlust erklären. Ein Teil der hohen Bargeldnachfrage im Sommer ist saisonbedingt. Zudem waren Bankeinlagen wegen der zuvor sehr hohen Zinsen besonders attraktiv. Mit veränderten Bedingungen kann sich dieses Verhältnis wieder verschieben.
Banken geraten unter Liquiditätsdruck
Für die russischen Banken wird die Entwicklung dennoch zunehmend problematisch. Wenn Kunden große Summen abheben, verlieren die Institute liquide Mittel.
Gleichzeitig müssen die Banken auf politischen Druck hin umfangreiche Kredite vergeben, unter anderem zur Finanzierung des Ausbaus der Rüstungsproduktion. Hinzu kommen Probleme mit Krediten, die möglicherweise nicht mehr vollständig zurückgezahlt werden können.
Damit werden die Banken von mehreren Seiten belastet: Kunden ziehen Geld ab, die Kreditvergabe bleibt hoch und gleichzeitig nehmen die Risiken bestehender Kredite zu.
Aus der russischen Bankenbranche gibt es deshalb bereits Warnungen vor möglichen Liquiditätsengpässen.
Auch der russische Staat braucht das Geld der Banken
Die Entwicklung trifft indirekt auch den Kreml. Russische Banken gehören zu den wichtigsten Käufern von Staatsanleihen. Über diese Anleihen beschafft sich der Staat Geld.
Wenn Banken aufgrund der hohen Bargeldabflüsse selbst weniger freie Mittel besitzen, können sie auch weniger Staatsanleihen kaufen. Das russische Finanzministerium musste zuletzt bereits geplante Anleiheemissionen absagen.
Das kommt für die Regierung zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt.
Von Januar bis Juli 2026 ist das russische Haushaltsdefizit auf umgerechnet rund 65 Milliarden Euro gestiegen. Ursprünglich hatte die Regierung für das gesamte Jahr lediglich mit etwa 38 Milliarden Euro gerechnet.
Das Defizit hat damit schon nach sieben Monaten die ursprüngliche Planung für das Gesamtjahr deutlich überschritten.
Russische Wirtschaft wächst kaum noch
Gleichzeitig verliert die Wirtschaft an Kraft. Im ersten Halbjahr 2026 wuchs das russische Bruttoinlandsprodukt lediglich um 0,3 Prozent. Im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres waren es noch 1,2 Prozent.
Die hohen Zinsen verteuern Kredite und erschweren Investitionen. Der Leitzins der russischen Zentralbank liegt bei 14 Prozent.
Gleichzeitig fließen immer mehr wirtschaftliche Ressourcen in die Rüstungsindustrie. Geld, Arbeitskräfte und Produktionskapazitäten, die dort eingesetzt werden, fehlen teilweise in anderen Bereichen der Wirtschaft.
Hinzu kommen ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien und andere Teile der Energieinfrastruktur. Dadurch kann die Treibstoffversorgung belastet werden. Steigende Kraftstoffpreise wiederum können die Inflation weiter antreiben.
Für den russischen Staat entsteht dadurch ein doppeltes Problem: Öl und Gas sind wichtige Einnahmequellen, während der Krieg gleichzeitig immer höhere Ausgaben verursacht.
Auch Unternehmer versuchen, Kapital in Sicherheit zu bringen
Nicht nur Privatpersonen reagieren auf die Entwicklung. Auch russische Unternehmen versuchen offenbar verstärkt, Geld außer Reichweite staatlicher Behörden zu bringen.
Allein im zweiten Quartal sollen mehr als acht Milliarden Euro aus Russland transferiert worden sein.
Die Sorgen der Unternehmer kommen nicht aus dem Nichts. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche private Unternehmen und Vermögenswerte vom russischen Staat übernommen oder beschlagnahmt.
Im Juni 2026 erfolgte dem Bericht zufolge die bislang größte einzelne Beschlagnahmung seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine. Vermögenswerte im Umfang von rund 5,6 Milliarden Euro, die mit dem Unternehmer Wadim Moschkowitsch in Verbindung standen, wurden vom Staat eingezogen.
Kein Zusammenbruch – aber wachsender wirtschaftlicher Druck
Die Zahlen bedeuten nicht, dass das russische Bankensystem unmittelbar vor einem Zusammenbruch steht. Auch die hohen Bargeldabhebungen allein sind noch kein Beweis für eine bevorstehende Bankenkrise.
Sie sind jedoch ein Warnsignal, insbesondere wenn sie mit anderen Problemen zusammentreffen: einem hohen Haushaltsdefizit, schwachem Wirtschaftswachstum, hohen Zinsen, steigenden Kriegsausgaben, Problemen bei der Kreditvergabe und einer wachsenden Unsicherheit bei Bürgern und Unternehmen.
Besonders gefährlich könnte eine Entwicklung werden, bei der immer mehr Menschen aus Angst ihr Geld gleichzeitig abheben. Dann würde aus einem Vertrauensproblem zunehmend ein Liquiditätsproblem der Banken.
Die derzeitige Flucht ins Bargeld zeigt deshalb vor allem eines: Der Krieg belastet Russland nicht nur militärisch und finanziell. Er scheint zunehmend auch das Vertrauen von Teilen der Bevölkerung und der Wirtschaft in die Sicherheit ihres Vermögens zu beeinträchtigen.