US Sicherheitsbehörden warnen vor einer akuten Gefahr durch Cyberangriffe auf industrielle Steuerungssysteme von Siemens. Im Mittelpunkt stehen Steuerungen der Produktfamilie Simatic S7, die weltweit in Industrieanlagen und Teilen der kritischen Infrastruktur eingesetzt werden.
Die Warnung ist deshalb besonders ernst zu nehmen, weil solche Steuerungen beispielsweise in der Energieversorgung, Wasser und Abwasserwirtschaft, Chemieindustrie, Lebensmittelproduktion und Landwirtschaft verwendet werden können. Ein erfolgreicher Angriff könnte damit nicht nur Unternehmensdaten betreffen, sondern im schlimmsten Fall technische Anlagen und Versorgungsprozesse beeinträchtigen.
Behörden sprechen von aktiver Bedrohung
Nach Einschätzung der amerikanischen Sicherheitsbehörden handelt es sich nicht lediglich um eine theoretisch mögliche Sicherheitslücke. Sie sprechen vielmehr von einer aktiven Bedrohung.
Angreifer suchen demnach gezielt nach industriellen Steuerungen, die über das Internet erreichbar und gleichzeitig nicht ausreichend geschützt sind. Besonders gefährdet sind Systeme, auf denen veraltete Software läuft oder bei denen notwendige Sicherheitsmaßnahmen fehlen.
Im Mittelpunkt der aktuellen Warnung steht insbesondere die Steuerungsreihe S7 1200 PLC. Insgesamt sollen Angreifer fünf unterschiedliche Versionen der Simatic S7 Systeme ins Visier nehmen.
Künstliche Intelligenz hilft den Angreifern
Besonders beunruhigend ist die Art, wie potenzielle Ziele gesucht werden. Die Hacker sollen Künstliche Intelligenz einsetzen, um das Internet systematisch nach verwundbaren Steuerungen zu durchsuchen.
Damit können große Mengen öffentlich erreichbarer Systeme wesentlich schneller untersucht werden als bei einer ausschließlich manuellen Suche.
Die Angreifer suchen dabei offenbar gezielt nach Geräten, die mit dem Internet verbunden sind, aber nicht ausreichend abgesichert wurden. Haben Betreiber bekannte Sicherheitslücken nicht geschlossen oder verwenden sie ältere Softwarestände, kann dies ein mögliches Einfallstor darstellen.
Wasserversorgung bereits Ziel zahlreicher Angriffe
Die Warnung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem in den USA bereits zahlreiche Angriffe auf örtliche Wasserversorgungssysteme registriert wurden.
Besonders auffällig war die Situation im Bundesstaat Minnesota. Dort wurden Ende Juli innerhalb von nur zwei Tagen 30 Cyberangriffe auf eine Wasserversorgung gemeldet.
Es gibt Vermutungen, dass zumindest ein Teil der Cyberaktivitäten mit dem Iran in Verbindung stehen könnte. Eine eindeutige Zuordnung der aktuellen Angriffe ist nach den bislang vorliegenden Informationen jedoch nicht möglich.
Siemens hatte Kunden bereits gewarnt
Siemens selbst hatte bereits Anfang Juli auf die zunehmende Gefahr von Cyberattacken gegen industrielle Steuerungen hingewiesen.
Das Unternehmen forderte Betreiber dazu auf, ihre Systeme und Geräte auf dem aktuellen Softwarestand zu halten. Damit soll verhindert werden, dass Angreifer bereits bekannte Schwachstellen ausnutzen können.
Zum damaligen Zeitpunkt lagen nach Angaben des Unternehmens keine Erkenntnisse darüber vor, dass entsprechende Angriffsversuche tatsächlich erfolgreich gewesen seien.
Warum die Simatic Steuerungen besonders wichtig sind
Die Simatic Systeme gehören zu den wichtigen Produkten der industriellen Automatisierung von Siemens. Solche programmierbaren Steuerungen übernehmen in Anlagen zahlreiche automatisierte Aufgaben.
Sie können Maschinen, Pumpen, Ventile oder ganze Produktionsabläufe steuern und Betriebsdaten erfassen. Viele dieser Systeme sind heute mit anderen Netzwerken oder dem Internet verbunden, damit Daten aus dem laufenden Betrieb gesammelt und ausgewertet werden können.
Genau diese Vernetzung bringt neben wirtschaftlichen und technischen Vorteilen jedoch zusätzliche Sicherheitsrisiken mit sich.
Gefahr betrifft vor allem schlecht geschützte Anlagen
Die Warnung bedeutet nicht, dass sämtliche Simatic S7 Steuerungen von Siemens unmittelbar übernommen werden können oder bereits gehackt wurden.
Entscheidend ist vielmehr, wie die jeweilige Anlage eingerichtet und geschützt wurde. Besonders gefährdet können Systeme sein, die direkt aus dem Internet erreichbar sind, veraltete Software verwenden oder bekannte Sicherheitslücken nicht geschlossen haben.
Die aktuelle Warnung macht zugleich deutlich, wie stark sich Cyberangriffe verändern. Mit Hilfe von KI können Angreifer potenzielle Schwachstellen schneller aufspüren und eine große Zahl von Systemen gleichzeitig untersuchen.
Damit wird die Absicherung industrieller Steuerungssysteme zunehmend zu einer Frage der öffentlichen Sicherheit. Denn wenn Hacker nicht nur Computer und Unternehmensnetzwerke, sondern Wasserwerke, Energieanlagen oder andere Teile der kritischen Infrastruktur angreifen, können die Folgen weit über einen gewöhnlichen Datendiebstahl hinausgehen.