Die italienische Großbank Unicredit hat einen wichtigen Meilenstein im Übernahmekampf um die Commerzbank erreicht. Nachdem überraschend viele Aktionärinnen und Aktionäre das Umtauschangebot angenommen haben, kontrolliert das Institut inzwischen mehr als 44 Prozent der Stimmrechte. Einschließlich bestehender Kaufoptionen könnte der Anteil sogar auf 47,59 Prozent steigen.
Damit hat sich das Kräfteverhältnis deutlich zugunsten der Italiener verschoben. Eine vollständige Übernahme ist zwar noch nicht erfolgt, doch Unicredit verfügt bereits über erheblichen Einfluss auf die strategische Ausrichtung der zweitgrößten börsennotierten Privatbank Deutschlands.
Mehr Aktionäre als erwartet stimmen dem Angebot zu
Nach Unternehmensangaben haben 17,6 Prozent der Commerzbank-Aktionäre das jüngste Angebot von Unicredit angenommen. Gemeinsam mit den bereits zuvor gehaltenen Beteiligungen verschafft dies der italienischen Bank eine außergewöhnlich starke Position.
Für Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp dürfte dieses Ergebnis überraschend gekommen sein. Offenbar haben deutlich mehr Investoren auf eine gemeinsame Zukunft beider Institute gesetzt als ursprünglich erwartet.
Entscheidungsmacht wächst – Einigung fehlt weiterhin
Trotz der starken Beteiligung steht eine tatsächliche Übernahme noch nicht unmittelbar bevor. Nach Informationen aus Bankenkreisen haben bislang keine ernsthaften Verhandlungen zwischen Unicredit-Chef Andrea Orcel und der Führung der Commerzbank über eine mögliche Integration stattgefunden.
Gerade darin sehen Beobachter nun die größte Herausforderung. Ein Großaktionär mit nahezu der Hälfte aller Stimmrechte dürfte auf Dauer erheblichen Einfluss ausüben wollen. Gleichzeitig lehnt die Commerzbank eine Übernahme gegen ihren Willen weiterhin ab und fordert Gespräche über eine einvernehmliche Lösung.
Bundesregierung bleibt skeptisch
Eine wichtige Rolle spielt weiterhin der Bund, der nach wie vor rund 12 Prozent der Commerzbank-Aktien hält. Die Bundesregierung hat sich mehrfach kritisch gegenüber einer Übernahme durch Unicredit geäußert und unterstützt bislang den eigenständigen Kurs der Bank.
Auch die Commerzbank betont, dass mögliche Veränderungen nur gemeinsam mit Vorstand, Aufsichtsrat, Arbeitnehmervertretern und der Bundesregierung erfolgen sollten. Nach Ansicht des Instituts lassen sich nur auf diesem Weg mögliche Synergien erfolgreich realisieren.
Feindliche Übernahme gilt als unwahrscheinlich
Rein rechtlich könnte Unicredit mit ihrem hohen Stimmenanteil künftig erheblichen Einfluss auf Vorstand und Aufsichtsrat nehmen. Experten halten jedoch ein aggressives Vorgehen derzeit für wenig wahrscheinlich.
Großbanken lassen sich nur schwer gegen den Widerstand von Management und Beschäftigten integrieren. Hinzu kommen umfangreiche regulatorische Anforderungen sowie die notwendige Zustimmung der europäischen Aufsichtsbehörden. Deshalb gilt eine einvernehmliche Lösung weiterhin als der wahrscheinlichste Weg.
HypoVereinsbank könnte eine Schlüsselrolle spielen
Sollte es langfristig zu einer Fusion kommen, dürfte auch die deutsche Unicredit-Tochter HypoVereinsbank eine zentrale Rolle übernehmen. Branchenbeobachter rechnen damit, dass die bestehenden Deutschland-Geschäfte neu organisiert und Doppelstrukturen abgebaut würden.
Insbesondere in Bayern wird deshalb aufmerksam verfolgt, welche Aufgaben künftig bei der HypoVereinsbank verbleiben und welche Bereiche möglicherweise mit der Commerzbank zusammengeführt werden könnten.
Mögliche Folgen für Beschäftigte und Kunden
Eine Fusion zweier großer Banken bringt erfahrungsgemäß weitreichende Veränderungen mit sich. Neben einem möglichen Stellenabbau könnten auch Filialnetze zusammengelegt und interne IT-Systeme vereinheitlicht werden.
Für Kundinnen und Kunden wären unter anderem Änderungen beim Online-Banking, neue Apps, angepasste Kontomodelle oder – in Einzelfällen – sogar neue IBAN-Nummern denkbar. Solche Umstellungen erfolgen bei Bankenfusionen jedoch in der Regel schrittweise über einen längeren Zeitraum.
Wie geht es jetzt weiter?
Die nächsten Wochen dürften entscheidend werden. Spätestens Anfang August, wenn die Commerzbank ihre Quartalszahlen vorlegt, werden beide Seiten erneut aufeinandertreffen. Dann dürfte sich zeigen, ob aus dem jahrelangen Übernahmekampf erstmals ernsthafte Gespräche über eine gemeinsame Zukunft entstehen.
Fest steht bereits jetzt: Mit einem Stimmrechtsanteil von über 44 Prozent hat Unicredit ihre Position erheblich ausgebaut. Ob daraus tatsächlich eine der größten Bankenfusionen Europas entsteht oder der Konflikt zwischen den Beteiligten weiter anhält, wird maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, einen tragfähigen Kompromiss zwischen Management, Großaktionären, Arbeitnehmervertretern und Politik zu finden.