Das deutsche Finanzsystem bleibt trotz weltweiter Krisen stabil – doch die Risiken nehmen spürbar zu. Zu diesem Ergebnis kommt der Ausschuss für Finanzstabilität (AFS) in seinem 13. Jahresbericht, der dem Bundestag vorgelegt wurde. Die Experten sehen Deutschland zwar weiterhin gut aufgestellt, warnen jedoch vor einer Kombination aus geopolitischen Konflikten, wirtschaftlicher Unsicherheit und strukturellen Veränderungen, die das Finanzsystem in den kommenden Jahren stärker belasten könnten.
Der Bericht umfasst den Zeitraum vom 1. April 2025 bis zum 31. März 2026 und zeichnet ein differenziertes Bild. Während Banken und Finanzinstitute insgesamt als widerstandsfähig gelten, wachsen die Herausforderungen. Insbesondere internationale Spannungen, schwaches Wirtschaftswachstum, hohe Unsicherheit an den Kapitalmärkten und zunehmende Cyberrisiken rücken stärker in den Fokus der Finanzaufseher.
Geopolitik bleibt größter Unsicherheitsfaktor
Die Experten sehen die größte Gefahr derzeit in der geopolitischen Lage. Kriege, internationale Handelskonflikte und politische Spannungen könnten jederzeit erhebliche Auswirkungen auf Finanzmärkte und Unternehmen haben. Gerade exportorientierte Volkswirtschaften wie Deutschland seien besonders anfällig für wirtschaftliche Schocks.
Hinzu kommen strukturelle Veränderungen wie die Transformation hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft, die Digitalisierung sowie der technologische Wandel. Diese Entwicklungen bieten zwar langfristig Chancen, erhöhen kurzfristig jedoch die Unsicherheit für Unternehmen und Investoren.
Unternehmenskredite geraten stärker in den Fokus
Besonders aufmerksam verfolgt der Ausschuss die Entwicklung bei Unternehmenskrediten. Viele Firmen leiden weiterhin unter schwacher Konjunktur, gestiegenen Finanzierungskosten und zurückhaltender Investitionsbereitschaft. Sollten sich wirtschaftliche Probleme verschärfen, könnten Kreditausfälle zunehmen und damit auch Banken stärker belasten.
Zwar sehen die Experten derzeit keine akute Gefahr für die Stabilität des Finanzsystems. Dennoch müsse die Entwicklung sorgfältig beobachtet werden, da viele Unternehmen ihre Finanzierung während der Niedrigzinsphase aufgebaut hätten und nun mit deutlich höheren Zinskosten konfrontiert seien.
Immobilienmarkt bleibt Risikofaktor
Auch der Immobilienmarkt bleibt ein Schwerpunkt des Berichts. Nachdem sich die Immobilienpreise in vielen Regionen zuletzt deutlich abgekühlt haben, beobachten die Finanzaufseher die weitere Entwicklung aufmerksam.
Sinkende Immobilienbewertungen können Banken belasten, wenn Sicherheiten an Wert verlieren oder Kredite ausfallen. Gleichzeitig bleibt der Markt regional sehr unterschiedlich. Während in einigen Städten Preisrückgänge zu beobachten sind, stabilisieren sich andere Regionen bereits wieder.
Nach Einschätzung des Ausschusses stellt der Immobiliensektor derzeit zwar kein akutes Stabilitätsrisiko dar, er bleibt jedoch ein wichtiger Unsicherheitsfaktor für die kommenden Jahre.
Cyberangriffe werden zur wachsenden Gefahr
Immer stärker rücken zudem Cyberrisiken in den Mittelpunkt. Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister sind zunehmend Ziel professioneller Hackerangriffe. Ein erfolgreicher Angriff könnte nicht nur einzelne Institute treffen, sondern im schlimmsten Fall Auswirkungen auf das gesamte Finanzsystem haben.
Die Finanzaufsicht fordert deshalb erhebliche Investitionen in IT-Sicherheit und Notfallkonzepte. Gerade die zunehmende Digitalisierung des Zahlungsverkehrs und der Finanzdienstleistungen mache Cyberabwehr zu einem zentralen Bestandteil der Finanzstabilität.
Schutzmechanismen bleiben bestehen
Trotz der wachsenden Risiken sieht der Ausschuss derzeit keinen Anlass für zusätzliche regulatorische Maßnahmen. Das bestehende makroprudenzielle Maßnahmenpaket wurde überprüft und als angemessen bestätigt.
Dazu gehören unter anderem der sogenannte antizyklische Kapitalpuffer, der Banken verpflichtet, in wirtschaftlich guten Zeiten zusätzliche Kapitalreserven aufzubauen, sowie der sektorale Systemrisikopuffer für bestimmte Immobilienfinanzierungen. Beide Instrumente sollen dafür sorgen, dass Banken auch in wirtschaftlich schwierigen Phasen ausreichend Eigenkapital besitzen und Kredite weiterhin vergeben können.
Aufgabe des Ausschusses
Der Ausschuss für Finanzstabilität wurde beim Bundesministerium der Finanzen eingerichtet und besteht aus Vertretern der Bundesbank, des Bundesfinanzministeriums sowie der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Zu den Mitgliedern gehört unter anderem BaFin-Präsident Mark Branson.
Seine Aufgabe besteht darin, Risiken für die Stabilität des deutschen Finanzsystems frühzeitig zu erkennen, zu bewerten und gegebenenfalls Empfehlungen für Gegenmaßnahmen auszusprechen.
Stabil – aber keine Entwarnung
Der aktuelle Bericht vermittelt insgesamt ein beruhigendes Signal: Das deutsche Finanzsystem gilt weiterhin als robust. Gleichzeitig machen die Finanzexperten deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen deutlich verschlechtert haben. Geopolitische Krisen, eine schwache Wirtschaft, steigende Kreditrisiken und die wachsende Bedrohung durch Cyberangriffe könnten die Stabilität künftig stärker auf die Probe stellen.
Für Banken, Unternehmen und Politik bedeutet das vor allem eines: Die Widerstandsfähigkeit des Finanzsystems ist derzeit vorhanden – sie muss angesichts der zahlreichen globalen Risiken jedoch kontinuierlich gestärkt werden.