Manchmal fragt man sich bei einer Weltmeisterschaft, ob eine Mannschaft wirklich weiterkommen will. Österreich hat diese Frage gegen Algerien über weite Strecken jedenfalls offen gelassen.
Am Ende stand ein spektakuläres 3:3 auf der Anzeigetafel. Klingt nach Offensivfestival, nach Fußballkunst und wilden Angriffen. Die Wahrheit sah anders aus. Es war ein Spiel mit starken Momenten – und einer erstaunlich langen Phase, in der beide Teams den Zuschauer eher an einen gemütlichen Sonntagskick erinnerten als an ein WM-Gruppenspiel mit K.-o.-Charakter.
Dabei begann alles durchaus vielversprechend. Nach dem 1:1 zur Pause brachte Marcel Sabitzer Österreich erneut in Führung. In diesem Moment sprach vieles dafür, dass die Elf von Ralf Rangnick das Spiel kontrolliert nach Hause bringen würde.
Tat sie aber nicht.
Algerien antwortete nur wenige Minuten später durch Riyad Mahrez. Und spätestens danach schien Österreich plötzlich das Fußballspielen einstellen zu wollen. Die Alpenrepublik zog sich immer weiter zurück, überließ den Nordafrikanern Ballbesitz und Räume – vermutlich in der Hoffnung, dass die Uhr schneller läuft, wenn man selbst nichts mehr macht.
Spoiler: Tut sie nicht.
Die Wüstenfüchse schoben den Ball geduldig durch die eigenen Reihen, ohne zunächst wirklich gefährlich zu werden. Das Spiel plätscherte dahin, bis tief in die Nachspielzeit plötzlich doch noch das passierte, womit kaum noch jemand gerechnet hatte.
Mahrez traf.
3:2 für Algerien. Österreich stand für einen kurzen Moment vor dem WM-Aus. Ausgerechnet nach einer zweiten Halbzeit, in der man mehr verwaltet als gestaltet hatte.
Und genau dann zeigte sich die verrückte Seite dieses Turniers.
Plötzlich war sie wieder da – die Rangnick-Mannschaft. Die langen Bälle flogen nach vorne, jeder Angriff wurde mit letzter Konsequenz gespielt und mit der buchstäblich letzten Aktion des Spiels stieg Sasa Kalajdžić am höchsten und köpfte Österreich doch noch ins Sechzehntelfinale.
Fußball kann manchmal herrlich ungerecht sein.
Algerien war über weite Strecken die aktivere Mannschaft, gab sich nie auf und wurde für den Mut fast noch mit dem Gruppensieg belohnt. Am Ende bleibt immerhin die Belohnung als einer der besten Gruppendritten. Mit der Schweiz wartet nun allerdings ein Gegner, der deutlich konsequenter bestrafen dürfte, wenn Chancen liegen gelassen werden.
Österreich dagegen dürfte diesen Abend als Warnung verstehen.
Ja, das Ziel wurde erreicht. Platz zwei, vier Punkte und das Ticket für die K.-o.-Runde sind auf dem Papier völlig in Ordnung. Doch spielerisch war das schlicht zu wenig. Wer sich nach einer Führung derart tief fallen lässt und den Gegner praktisch zum Toreschießen einlädt, spielt mit dem Feuer.
Im Sechzehntelfinale wartet nun Spanien.
Und eines dürfte feststehen: Gegen die Iberer reicht es nicht, erst in der 95. Minute wieder mit dem Fußballspielen anzufangen. Spanien verzeiht solche Nachlässigkeiten deutlich seltener als Algerien.
Österreich ist also weiter – allerdings eher mit Glück, Herz und einem Last-Minute-Kopfball als mit einer Leistung, die einem echten K.-o.-Runden-Kandidaten würdig gewesen wäre.