Die Modebranche erlebt eine überraschende Wendung: Der chinesisch geprägte Online-Modegigant Shein steht kurz vor der Übernahme der US-Modemarke Everlane. Die geplante Transaktion sorgt international für Aufmerksamkeit, denn beide Unternehmen stehen bislang für völlig unterschiedliche Geschäftsmodelle und Markenbilder.
Während Shein weltweit als einer der größten Anbieter günstiger Fast Fashion gilt, hat sich Everlane über Jahre hinweg als Gegenmodell positioniert. Die US-Marke wirbt mit Transparenz, nachhaltiger Produktion, hochwertigen Materialien und faireren Lieferketten. Gerade deshalb gilt die mögliche Übernahme in der Branche als bemerkenswert und für viele Beobachter als kaum vorstellbare Kombination.
Everlane-Chef Alfred Chang bestätigte die Pläne in einer Stellungnahme. Er erklärte, dass sich Everlane in einem „sich rasant wandelnden Einzelhandelssektor zunehmendem Druck“ ausgesetzt sehe. Die wirtschaftliche Lage des Unternehmens habe sich dadurch weiter verschlechtert.
Nach Angaben von Chang soll Everlane trotz der Übernahme als „unabhängige Marke“ bestehen bleiben. Auch die bisherigen Werte des Unternehmens – insbesondere Nachhaltigkeit, Qualität und verantwortungsvolle Produktion – sollen demnach erhalten bleiben. Kritiker bezweifeln allerdings bereits, ob sich diese Prinzipien dauerhaft mit dem Geschäftsmodell von Shein vereinbaren lassen.
Shein steht seit Jahren wegen seiner Produktionsmethoden massiv in der Kritik. Dem Unternehmen werden unter anderem problematische Arbeitsbedingungen, Umweltbelastungen und eine extrem schnelle Wegwerfmode-Kultur vorgeworfen. Gleichzeitig gehört Shein zu den erfolgreichsten Online-Modehändlern der Welt und erreicht insbesondere jüngere Zielgruppen über soziale Medien und extrem günstige Preise.
Everlane dagegen hatte sich bewusst als nachhaltigere Alternative etabliert. Die Marke setzte auf transparente Preisgestaltung und veröffentlichte regelmäßig Informationen zu Produktionskosten und Fabriken. Viele Kunden entschieden sich gerade wegen dieser Philosophie bewusst gegen klassische Fast-Fashion-Anbieter.
Finanzielle Details der geplanten Übernahme wurden offiziell bislang nicht genannt. Medienberichte sprechen jedoch von einer Unternehmensbewertung von rund 100 Millionen US-Dollar. Für Everlane wäre dies ein deutlicher Rückgang gegenüber früheren Wachstumsphasen, in denen das Unternehmen als Hoffnungsträger im Bereich nachhaltiger Mode galt.
Branchenexperten sehen in der geplanten Übernahme ein Zeichen für die schwierige Lage vieler nachhaltiger Modemarken. Trotz wachsendem Umweltbewusstsein geraten zahlreiche Unternehmen unter Druck, weil Verbraucher in wirtschaftlich unsicheren Zeiten verstärkt auf günstige Preise achten. Gerade Premium- und Nachhaltigkeitsmarken kämpfen deshalb mit sinkender Nachfrage und steigenden Kosten.
Für Shein könnte der Kauf strategisch interessant sein. Durch Everlane würde der Konzern Zugang zu einer kaufkräftigeren Zielgruppe erhalten und gleichzeitig sein Image in Richtung Nachhaltigkeit verbessern wollen. Beobachter sprechen bereits von einem möglichen Versuch, das eigene Markenprofil international breiter aufzustellen.
Ob die Übernahme tatsächlich gelingt und wie stark Everlane künftig unabhängig bleiben wird, bleibt jedoch offen. Viele Kunden der Marke dürften die Entwicklung kritisch beobachten. Gerade Verbraucher, die sich bewusst gegen Fast Fashion entschieden haben, könnten skeptisch reagieren, wenn ihre bevorzugte Nachhaltigkeitsmarke künftig Teil eines der umstrittensten Modekonzerne der Welt wird.