Dark Mode Light Mode

T+1-Abwicklung rückt näher: BaFin drängt Finanzbranche zur Vorbereitung auf historischen Systemwechsel

Elionas (CC0), Pixabay

Die Umstellung auf den sogenannten T+1-Abwicklungszyklus nimmt in Europa konkrete Formen an. Das EU T+1 Industry Committee hat jetzt eine zweite Branchenumfrage gestartet, um den Vorbereitungsstand der Marktteilnehmer zu erfassen. Parallel dazu veröffentlichen die European Securities and Markets Authority sowie die nationalen Aufsichtsbehörden eine ergänzende Erhebung.

Auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ruft deutsche Marktteilnehmer ausdrücklich zur Teilnahme an beiden Umfragen auf.

Hintergrund ist eine der größten operativen Veränderungen an den europäischen Kapitalmärkten seit Jahren: Ab dem 11. Oktober 2027 sollen Wertpapiergeschäfte in der Europäischen Union nicht mehr wie bisher innerhalb von zwei Tagen, sondern bereits einen Tag nach Handelsabschluss abgewickelt werden.

Aus dem bisherigen T+2-System wird damit T+1.

Konkret bedeutet das: Wer Aktien, Anleihen oder andere Wertpapiere kauft oder verkauft, muss künftig deutlich schneller liefern, zahlen und abrechnen. Für Banken, Broker, Börsen, Verwahrstellen und andere Marktteilnehmer verkürzt sich damit das Zeitfenster für sämtliche Nachhandelsprozesse erheblich.

Die Umstellung gilt als technisch und organisatorisch äußerst anspruchsvoll. Marktteilnehmer müssen ihre Systeme, internen Abläufe und Kommunikationsprozesse entlang der gesamten Handels- und Abwicklungskette überprüfen und teilweise grundlegend anpassen.

Die neue EUIC-Umfrage soll nun ein genaueres Bild darüber liefern, wie weit die Branche mit den Vorbereitungen tatsächlich ist. Die Ergebnisse werden laut Angaben der Aufseher in aggregierter Form an die ESMA und die nationalen Behörden weitergeleitet.

Zusätzlich haben ESMA und die nationalen Aufsichtsbehörden eine ergänzende nationale Umfrage gestartet. Deren Ergebnisse bleiben ausschließlich bei den jeweiligen Aufsichtsbehörden.

Die Behörden wollen dadurch potenzielle Schwachstellen, operative Risiken und nationale Besonderheiten frühzeitig erkennen. Ziel ist es, die Umsetzung des neuen Systems europaweit zu überwachen und mögliche Probleme rechtzeitig zu identifizieren.

Die Teilnahme an beiden Umfragen ist bis zum 9. Juni 2026 möglich.

Die Umstellung auf T+1 gilt international als Teil eines größeren Trends zur Beschleunigung und Effizienzsteigerung der Finanzmärkte. In den Vereinigte Staaten wurde der T+1-Abwicklungszyklus bereits eingeführt. Europa zieht nun nach.

Befürworter sehen darin Vorteile wie:

  • geringere Gegenparteirisiken,
  • schnellere Kapitalbindung,
  • effizientere Marktprozesse,
  • sowie niedrigere systemische Risiken im Finanzsystem.

Kritiker warnen jedoch vor erheblichen technischen und organisatorischen Herausforderungen. Besonders kleinere Banken, Broker oder internationale Marktteilnehmer könnten unter Zeitdruck geraten.

Denn mit der kürzeren Abwicklungsfrist steigt der Druck auf sämtliche Prozesse – von Handelsbestätigung und Clearing bis hin zu Zahlungs- und Lieferströmen.

Vor allem grenzüberschreitende Transaktionen gelten als potenziell problematisch. Unterschiedliche Zeitzonen, regulatorische Anforderungen und technische Systeme könnten die Abwicklung erschweren.

Die kommenden Monate dürften deshalb entscheidend dafür werden, wie reibungslos Europas Finanzmärkte auf das neue T+1-System vorbereitet werden können.

Die aktuelle Umfrageoffensive zeigt jedenfalls, dass Aufsichtsbehörden und Marktorganisationen die Umstellung als kritischen Schritt für die Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Kapitalmärkte betrachten.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

Interview mit Rechtsanwältin Bontschev zur außerordentlichen Hauptversammlung der SALVE AKTIENGESELLSCHAFT FINANZDIENSTE

Next Post

BaFin warnt vor Helix-A und Coinberg: Verdacht auf unerlaubte Kryptogeschäfte und Identitätsmissbrauch