Ein schwerer Umwelt- und Arbeitsschutzskandal rund um eine Batteriefabrik des südkoreanischen Technologiekonzerns Samsung SDI sorgt in Ungarn für politischen Sprengstoff. In der Produktionsanlage im Ort Göd nahe Budapest sollen Arbeiter über längere Zeit extrem hohen Konzentrationen giftiger und teilweise krebserregender Chemikalien ausgesetzt gewesen sein. Nach Recherchen des investigativen Nachrichtenportals Telex wurden gesetzliche Grenzwerte in einigen Fällen um ein Vielfaches überschritten – teilweise sogar um mehr als das 500-Fache.
Der Skandal weitet sich zunehmend zu einer politischen Affäre aus, weil ein interner Geheimdienstbericht die ungarische Regierung offenbar bereits frühzeitig über die Missstände informiert hatte.
Massive Verstöße gegen Arbeits- und Umweltschutz
Die Berichte über die Zustände im Werk zeichnen ein alarmierendes Bild. Arbeiter sollen wiederholt giftigen Chemikalien ausgesetzt gewesen sein, die in der Batterieproduktion verwendet werden und als gesundheitsschädlich gelten. Teilweise handelt es sich um Stoffe, die bei längerfristiger Belastung als krebserregend eingestuft werden.
Dem Bericht zufolge lagen Messwerte in der Fabrik teilweise um ein Vielfaches über den gesetzlich erlaubten Grenzwerten. In einigen Fällen seien die zulässigen Belastungsgrenzen sogar mehr als 500-mal überschritten worden.
Besonders brisant ist der Vorwurf, dass die Werksleitung die Behörden über das tatsächliche Ausmaß der Belastung getäuscht haben soll. Selbst wenn Verstöße festgestellt wurden, änderte sich laut Medienberichten lange Zeit wenig an den Arbeitsbedingungen.
Bußgelder statt Konsequenzen
Wenn Behörden Verstöße feststellten, verhängten sie zwar Bußgelder. Diese waren jedoch vergleichsweise gering. Die maximale Strafe lag damals bei 10 Millionen Forint, umgerechnet rund 26.500 Euro.
Nach Angaben von Medienberichten nahm das Unternehmen diese Bußgelder teilweise in Kauf, statt kostspielige technische Verbesserungen umzusetzen. Wie viele Arbeiter durch die Belastung gesundheitliche Schäden erlitten haben könnten, ist bislang unklar.
Regierung soll früh informiert gewesen sein
Besonders heikel ist die politische Dimension der Affäre. Ein Geheimdienstbericht über die Sicherheitsverstöße soll bereits im Frühjahr 2023 dem Kabinett von Ministerpräsident Viktor Orbán vorgelegen haben.
Dem Bericht zufolge waren die Verstöße so gravierend, dass die zuständigen Behörden theoretisch sogar eine vorübergehende Schließung der Anlage hätten anordnen können. Stattdessen blieb das Werk weiterhin in Betrieb.
Kritiker werfen der Regierung vor, bewusst nicht eingegriffen zu haben. Hintergrund könnte die wirtschaftspolitische Strategie Ungarns sein, sich als zentraler Standort der europäischen Batterieindustrie zu etablieren.
Ungarn setzt auf Batterieindustrie
Die Regierung betrachtet die Batterieproduktion als Schlüsselindustrie der Zukunft. Elektroautos und Energiespeicher benötigen große Mengen moderner Batterien, weshalb weltweit ein Wettlauf um Produktionskapazitäten entstanden ist.
Ungarn versucht gezielt, internationale Hersteller anzulocken. Neben Samsung haben bereits mehrere große Batterieunternehmen Fabriken im Land aufgebaut oder angekündigt, darunter:
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CATL
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SK On
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EVE Energy
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Sunwoda Electronic
Die Investitionen erreichen teilweise Milliardenhöhe und schaffen Tausende Arbeitsplätze. Gleichzeitig wächst jedoch die Sorge, dass Umwelt- und Arbeitsschutz bei der schnellen Industrialisierung nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Der ungarische Außenminister Péter Szijjártó gilt als einer der wichtigsten politischen Unterstützer dieser Industriepolitik. Ihm wird vorgeworfen, Sicherheitsprobleme bewusst herunterzuspielen, um Investoren nicht zu verunsichern. Der Minister weist diese Vorwürfe zurück.
Proteste und wachsender öffentlicher Druck
Der Skandal hat inzwischen auch zu Protesten geführt. Mitte Februar demonstrierten mehrere hundert Menschen vor dem ungarischen Außenministerium.
Auf Transparenten standen Slogans wie:
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„Oh my Göd!“
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„Tschernobyl 2.0“
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„Stoppt das Vergiften von Menschen!“
Viele Einwohner der Region befürchten neben Gesundheitsrisiken für Arbeiter auch mögliche Umweltverschmutzung. Berichte deuten darauf hin, dass möglicherweise giftige Stoffe aus der Produktion in die Umgebung gelangt sein könnten.
Politische Brisanz im Wahlkampf
Die Affäre kommt für die Regierung zu einem besonders heiklen Zeitpunkt. Ungarn befindet sich in einer Phase intensiver politischer Auseinandersetzungen, und Umwelt- sowie Korruptionsvorwürfe gegen die Regierung könnten im Wahlkampf eine zentrale Rolle spielen.
Oppositionsparteien werfen der Regierung vor, wirtschaftliche Interessen über den Schutz von Arbeitnehmern und Umwelt gestellt zu haben. Sollte sich bestätigen, dass Behörden über Jahre hinweg über gefährliche Zustände informiert waren, könnte der Fall das Vertrauen in die Regierung erheblich erschüttern.
Fazit
Der Skandal um die Batteriefabrik in Göd zeigt die Schattenseiten des europäischen Batteriebooms. Während Länder versuchen, von der Energiewende wirtschaftlich zu profitieren, entstehen neue Konflikte zwischen Industriepolitik, Umweltschutz und Arbeitssicherheit.
Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, drohen nicht nur Imageschäden für Samsung SDI. Auch Ungarns Strategie, sich als europäisches Zentrum der Batterieproduktion zu etablieren, könnte erheblich unter Druck geraten.