Mehr als 150 Rabbiner und Kantoren haben am 11. Februar vor dem Hauptsitz der US-Einwanderungsbehörde ICE (Immigration and Customs Enforcement) in Washington, D.C. demonstriert. Nach Angaben der Organisatoren handelte es sich um die bislang größte rein jüdische Protestaktion gegen die verschärfte Einwanderungspolitik der Trump-Regierung.
Mit Gebeten, Gesängen auf Hebräisch und Englisch sowie dem Klang des traditionellen Schofars machten die Teilnehmenden auf das aufmerksam, was sie als moralisches Versagen der Regierung bezeichnen. „Ich werde nicht untätig zusehen, wenn das Blut meines Nächsten vergossen wird“, sangen sie und bezogen sich dabei auf eine Bibelstelle aus dem Buch Levitikus. Auf Plakaten standen Slogans wie „Widerstand gegen Tyrannei seit dem Pharao“ oder Warnungen vor historischen Parallelen zu dunklen Zeiten der Geschichte.
Die Demonstrierenden kritisierten insbesondere die seit Sommer 2025 deutlich intensivierten Festnahmen und Abschiebungen in mehreren Großstädten. In Chicago, Los Angeles, Minneapolis und Portland waren Geistliche unterschiedlicher Konfessionen bereits bei Protesten zwischen Sicherheitskräften und Demonstrierenden getreten – teils mit der Folge eigener Festnahmen. Auch in Boston und Minneapolis fanden zeitgleich Solidaritätskundgebungen statt.
Viele der anwesenden Rabbiner betonten die besondere historische Verantwortung der jüdischen Gemeinschaft. Die meisten jüdischen Familien in den USA seien selbst Nachfahren von Einwanderern, erklärten mehrere Redner. Zudem erinnerten sie an die jahrhundertelange Geschichte von Vertreibung und Flucht, die das jüdische Volk geprägt habe. Diese Erfahrungen schärften den Blick für die Verletzlichkeit von Migrantinnen und Migranten in der Gegenwart.
Rabbi Jill Jacobs von der Menschenrechtsorganisation T’ruah sprach von einem „moralischen Moment“, in dem religiöse Führungspersönlichkeiten Haltung zeigen müssten. Die Anwesenheit von Geistlichen bei Protesten sende die Botschaft, dass es sich nicht um eine parteipolitische, sondern um eine ethische Frage handle. „Wenn Menschenrechte verletzt werden, dürfen wir nicht schweigen“, betonte sie vor der Menge.
Auch Vertreter progressiver jüdischer Organisationen riefen dazu auf, das Engagement in die Gemeinden im ganzen Land zu tragen. Religiöse Führungskräfte hätten eine besondere Verantwortung, Orientierung und Hoffnung zu vermitteln – gerade in Zeiten politischer Polarisierung.
Einige Demonstrierende zogen Parallelen zwischen aktuellen Entwicklungen und den Erfahrungen ihrer eigenen Familien in Europa in den 1930er-Jahren. Sie äußerten die Sorge, dass Massenverhaftungen und pauschale Verdächtigungen das gesellschaftliche Klima nachhaltig vergiften könnten.
Die Protestaktion vor dem ICE-Hauptquartier reiht sich ein in eine wachsende Bewegung religiöser Gruppen, die sich kritisch zur Einwanderungspolitik äußern. Während konservative evangelikale Christen die Regierung mehrheitlich unterstützen, treten zunehmend moderate und progressive Glaubensgemeinschaften öffentlich für eine humanere Migrationspolitik ein.