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72-Stunden-Woche und KI-Boom: Warum Tech-Firmen wieder auf extreme Arbeitszeiten setzen

In der globalen Tech-Branche erlebt eine alte Idee ein überraschendes Comeback: extrem lange Arbeitszeiten. Besonders im Umfeld von Start-ups und Künstlicher Intelligenz (KI) setzen einige Unternehmen bewusst auf Arbeitswochen von 70 Stunden und mehr. Was für viele nach Selbstausbeutung klingt, wird von Befürwortern als notwendiger Preis für Innovation, Geschwindigkeit und Erfolg dargestellt.

Ein prominentes Beispiel ist das New Yorker KI-Unternehmen Rilla. Schon in den Stellenanzeigen wird offen kommuniziert, dass Bewerber bereit sein müssen, rund 70 Stunden pro Woche im Büro zu arbeiten. Dafür verspricht das Unternehmen hohe Gehälter, kostenlose Verpflegung, Fitnessstudio-Mitgliedschaften und eine ambitionierte, fast sportliche Unternehmenskultur. Gesucht werden laut Management keine klassischen Angestellten, sondern Menschen mit „olympischem Ehrgeiz“, die ihre Arbeit als Leidenschaft begreifen.

Diese Haltung erinnert stark an die sogenannte 996-Kultur, die ihren Ursprung in China hat: Arbeiten von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, sechs Tage die Woche. Dort wurde dieses Modell vor allem in den 2010er-Jahren von Tech-Größen wie Alibaba-Gründer Jack Ma offen gelobt. Nach massiver Kritik, rechtlichen Eingriffen und Gesundheitsdebatten ist 996 in China offiziell zwar gebremst worden, doch die Denkweise lebt international weiter – insbesondere im Silicon Valley.

Ein zentraler Treiber ist der aktuelle KI-Wettlauf. Milliarden an Wagniskapital fließen in junge Firmen, die unter enormem Zeitdruck stehen. Wer zuerst ein marktfähiges Produkt liefert, gewinnt – so die Logik. Lange Arbeitszeiten werden dabei als Wettbewerbsvorteil gesehen. Gründer wie Magnus Müller von Browser-Use sprechen offen davon, dass eine klassische 40-Stunden-Woche nicht zur eigenen Vision passe. Arbeit verschmelze mit Hobby, vergleichbar mit exzessivem Gaming.

Kritiker warnen jedoch vor den Risiken. Studien von WHO und ILO zeigen, dass regelmäßige Arbeitszeiten von mehr als 55 Stunden pro Woche das Risiko für Herzkrankheiten und Schlaganfälle deutlich erhöhen. Zudem sinkt ab einem bestimmten Punkt die Produktivität. Forschungsergebnisse legen nahe, dass der Leistungszenit bei etwa 40 Stunden pro Woche liegt – alles darüber hinaus bringt immer weniger zusätzlichen Output.

Auch Investoren wie Deedy Das von Menlo Ventures mahnen zur Differenzierung: Während es bei Gründern nachvollziehbar sei, extrem viel zu arbeiten, führe eine solche Erwartungshaltung bei Mitarbeitenden oft zu Burnout, Fluktuation und dem Verlust erfahrener Fachkräfte. Besonders problematisch seien Machtverhältnisse, etwa bei Visa-Abhängigkeiten oder einem angespannten Arbeitsmarkt.

Die Debatte zeigt: Hustle-Kultur ist kein Randphänomen mehr, sondern Ausdruck eines Systems, das Geschwindigkeit über Nachhaltigkeit stellt. Ob sich dieses Modell langfristig bewährt – oder an seinen menschlichen Kosten scheitert – bleibt offen.

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