In Bangladesch ist ein spürbarer Stimmungswandel im Gange – besonders unter jungen Menschen. Nach dem Sturz der langjährigen Premierministerin Sheikh Hasina im Sommer 2024 und ihrer Flucht ins Exil nach Indien richtet sich der Zorn vieler Studierender und Erstwähler nicht nur gegen autoritäre Politik im eigenen Land, sondern zunehmend auch gegen den mächtigen Nachbarn im Westen. Graffiti an den Wänden der Universität Dhaka, politische Debatten auf dem Campus und Parolen wie „Dhaka, not Delhi“ spiegeln diese neue Haltung wider.
Für viele Angehörige der Generation Z steht Indien symbolisch für eine Politik der Einmischung. Sie werfen Neu-Delhi vor, Hasinas zunehmend autoritäres Regime über Jahre hinweg gestützt zu haben – selbst nach umstrittenen Wahlen und schweren Menschenrechtsverletzungen. Dass Indien Hasina nach ihrem Sturz Schutz gewährte und ihre Auslieferung verweigert, gilt vielen als Beleg dafür, dass demokratische Prinzipien hinter geopolitischen Interessen zurückstehen mussten.
Diese Wahrnehmung trifft auf einen historischen Resonanzraum. Grenzkonflikte, tödliche Zwischenfälle durch Grenzschutzkräfte, ungelöste Wasserverteilungsfragen und Handelshemmnisse haben das Verhältnis beider Länder schon lange belastet. Neu ist jedoch, dass sich diese Themen nun zu einem breiten, emotional aufgeladenen Narrativ verdichten: dem Gefühl, Bangladesch werde von Indien nicht als gleichberechtigter Partner, sondern als abhängiger Hinterhof behandelt.
Gleichzeitig befindet sich Bangladesch in einer politischen Übergangsphase. Mit dem Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus an der Spitze einer Übergangsregierung und einer anstehenden Wahl erleben viele junge Menschen erstmals die Hoffnung auf echte politische Teilhabe. Diese neue Selbstbehauptung verstärkt den Wunsch nach außenpolitischer Souveränität – und verschärft die Kritik an Indien.
Dennoch ist die Lage komplexer als bloßer Antagonismus. Viele Aktivistinnen und Aktivisten betonen, dass sich ihre Ablehnung nicht gegen die indische Bevölkerung richtet, sondern gegen den indischen Staat und dessen Politik. Kulturelle, sprachliche und familiäre Verbindungen über die Grenze hinweg bleiben stark. Gerade deshalb wird die aktuelle Entfremdung als schmerzhaft empfunden.
Auch auf offizieller Ebene ist man sich bewusst, dass ein dauerhafter Bruch unrealistisch ist. Bangladesch und Indien teilen eine lange Grenze, zahlreiche Flüsse und eine verflochtene Geschichte. Diplomatische Annäherungsversuche – etwa Gespräche mit verschiedenen politischen Lagern in Dhaka – zeigen, dass Neu-Delhi um Schadensbegrenzung bemüht ist. Doch viele Beobachter sind sich einig: Ohne ein grundlegendes Umdenken wird es keinen echten Neustart geben.
Die wachsende Distanz der bangladeschischen Jugend zu Indien ist daher weniger ein kurzfristiger Protest als Ausdruck eines tieferen Wandels. Sie fordert Respekt, Augenhöhe und eine Außenpolitik, die demokratische Werte nicht selektiv auslegt. Ob Indien darauf eingeht, könnte entscheidend für die Zukunft der bilateralen Beziehungen sein.