Die deutsche Finanzaufsicht BaFin schlägt in ihrem neuen Bericht „Risiken im Fokus 2026“ einen zugleich nüchternen wie eindringlichen Ton an. Zwar präsentiert sich das Finanzsystem auf den ersten Blick stabil, doch unter der Oberfläche sieht die Behörde eine gefährliche Mischung aus hohen Bewertungen, geopolitischen Spannungen und strukturellen Veränderungen. Für BaFin-Präsident Mark Branson ist klar: „Das Risiko steigt, dass die Finanzstabilität einen Härtetest bestehen muss.“ Vor allem das Potenzial für abrupte Markt- und Preiskorrekturen sei hoch.
Der Bericht, der in Frankfurt vorgestellt wurde, macht deutlich: Die aktuelle Zuversicht an den Finanzmärkten ist trügerisch. Banken und Versicherer arbeiten überwiegend profitabel und verfügen über solide Kapitalpolster. Das Zinsumfeld hat sich stabilisiert, die Inflationsgefahr in der Eurozone ist gesunken, und staatliche Investitionsprogramme versprechen konjunkturelle Impulse. Dennoch blendet die gute Marktstimmung nach Ansicht der Aufseher erhebliche Risiken aus.
Zu den zentralen Belastungsfaktoren zählt die BaFin anhaltende geopolitische Unsicherheiten – von Handelskonflikten bis zu militärischen Auseinandersetzungen. Hinzu kommt die hohe Verschuldung vieler Industriestaaten und die offene Frage, ob der derzeitige Hype um Künstliche Intelligenz dauerhaft durch reale Gewinne und Produktivitätsfortschritte gedeckt ist. Besonders kritisch sieht die Finanzaufsicht den wachsenden politischen Druck auf Institutionen weltweit. Dieser könne im Krisenfall die internationale Zusammenarbeit und Reaktionsfähigkeit erheblich beeinträchtigen.
Insgesamt identifiziert die BaFin sechs wesentliche Risiken für Finanzinstitute, drei tiefgreifende Trends sowie – erstmals – drei Top-Risiken, die Verbraucherinnen und Verbraucher unmittelbar betreffen. Zu den langfristigen Trends zählen die fortschreitende Digitalisierung, der Umbau des Finanzsystems hin zu mehr Nachhaltigkeit sowie geopolitische Verschiebungen, die Geschäftsmodelle und Kapitalströme verändern.
Ein Schwerpunkt der Aufsicht liegt 2026 auf den Kreditrisiken der Banken. Die anhaltende wirtschaftliche Schwäche in Deutschland führt zu steigenden Unternehmensinsolvenzen. Damit wächst auch der Anteil notleidender Kredite in den Bankbilanzen. Für die BaFin ist klar: Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte er die Stabilität einzelner Institute und im Extremfall des gesamten Systems belasten.
Besondere Aufmerksamkeit gilt zudem der wachsenden Bedeutung von Private-Debt-Fonds. Diese nicht-banklichen Finanzintermediäre gewinnen zunehmend an Gewicht, auch weil Banken und Versicherer ihnen Kapital zur Verfügung stellen. Nach Einschätzung von BaFin-Präsident Branson entstehen dadurch neue Ansteckungsrisiken: Deutsche Finanzunternehmen sind mit häufig ausländischen Private-Debt-Vehikeln verflochten, die ihre Investments stark hebeln. Risiken verlagern sich damit in Bereiche außerhalb des klassisch regulierten Bankensektors – mit potenziell schwer kalkulierbaren Folgen.
Erstmals rückt die BaFin in ihrem Bericht auch die Lage der Verbraucherinnen und Verbraucher ausdrücklich in den Fokus. Besonders besorgniserregend ist der erneute Anstieg der Überschuldung. Nach Angaben von Creditreform waren im November 2025 rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland überschuldet – etwa acht Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Ein wesentlicher Treiber sind Konsumentenkredite.
Insbesondere das Modell „Buy now, pay later“ bereitet der Aufsicht Sorgen. Kleine Kredite, oft unter 200 Euro, werden ohne klassische Bonitätsprüfung vergeben und sind für viele Haushalte verführerisch einfach zu nutzen. Laut einer BaFin-Umfrage aus dem Jahr 2025 verleiten die geringe Hürde und die scheinbar überschaubaren Beträge zu spontanen Käufen auf Kredit. Viele Betroffene verlieren dabei den Überblick über ihre finanziellen Verpflichtungen. Die BaFin will deshalb die Einhaltung der regulatorischen Vorgaben für Konsumentenkredite strenger überwachen und gleichzeitig die Verbraucherinformation ausbauen.
Ein weiterer Risikobereich ist die Digitalisierung des Finanzmarkts, insbesondere der Krypto-Sektor. Zwar sieht die BaFin in Innovationen eine wichtige Grundlage für die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzstandorts. Gleichzeitig warnt sie vor neuen systemischen Gefahren. Stablecoins etwa könnten bei einer Entkopplung von ihrem Referenzwert ein Szenario auslösen, das einem klassischen Bankrun ähnelt. Massenhafte Verkäufe hätten dann nicht nur Auswirkungen auf den Krypto-Markt, sondern könnten auch in den traditionellen Finanzsektor überschwappen.
Zudem gewinnen Kryptowerte bei privaten Anlegerinnen und Anlegern stark an Popularität – nicht zuletzt durch soziale Medien. Nach Beobachtung der BaFin investieren Verbraucher deutlich risikoreicher, wenn sie ihre Informationen von sogenannten Finfluencern beziehen. Hohe Kursschwankungen, Cyber-Risiken und unseriöse Anbieter erhöhen die Gefahr erheblicher Verluste. Hinzu kommt, dass der Krypto-Markt aufgrund seiner Geschwindigkeit und Anonymität anfällig für Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung ist.
Die BaFin reagiert darauf mit einer verschärften Aufsicht über Krypto-Anbieter, gezielten Warnungen vor betrügerischen Akteuren und verstärkter Aufklärung der Öffentlichkeit. Ziel ist es, Innovationen zu ermöglichen, ohne die Stabilität des Finanzsystems und den Schutz der Verbraucher zu gefährden.
Unterm Strich zeichnet der Bericht „Risiken im Fokus 2026“ das Bild eines Finanzsystems, das derzeit noch stabil wirkt, dessen Belastbarkeit jedoch zunehmend auf die Probe gestellt wird. Hohe Bewertungen, strukturelle Verschiebungen und neue Formen von Risiko verlangen nach Wachsamkeit – bei Aufsehern, Finanzinstituten und nicht zuletzt bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern selbst.