Von den oberen Etagen eines Hochhauses in Odesa reicht der Blick weit über das Schwarze Meer. Was früher Ruhe und Freiheit bedeutete, ist heute ein gefährlicher Aussichtspunkt. „Hier oben sehen und hören wir die Drohnen zuerst“, sagt Mariia, die mit ihrem Mann Sergii und der neunjährigen Tochter Eva im 16. Stock lebt. Wenn die Drohnen einschlagen, leuchten Brände in der ganzen Stadt auf.
Eva kennt den Krieg besser, als ein Kind es jemals sollte. Sie unterscheidet die Geräusche der Flugkörper und verfolgt soziale Netzwerke, sobald Luftalarm ausgelöst wird. „Sie weiß, ob es eine echte Gefahr ist“, erklärt ihr Vater. Dieses Wissen gibt dem Mädchen eine trügerische Form von Sicherheit.
Odesa, die drittgrößte Stadt der Ukraine, steht seit Wochen unter besonders schwerem Beschuss. Russland greift gezielt Häfen und Energieinfrastruktur an, um die Wirtschaft zu lähmen und die Moral der Bevölkerung zu brechen. Doch die Angriffe treffen nicht nur strategische Ziele. Immer wieder schlagen Drohnen in Wohnhäuser ein. Glassplitter, Trümmer und Explosionen fordern zivile Opfer.
Die Familie stammt ursprünglich aus der Region Cherson, die heute teilweise von Russland besetzt ist. 2022 flohen Mariia und Eva zeitweise nach Deutschland, kehrten jedoch zurück, um wieder vereint zu sein. Nun stellt sich erneut die Frage der Flucht. „Odesa ist für Russland ein wirtschaftliches Ziel“, sagt Sergii. „Sie werden nicht aufhören.“
Vor dem Krieg war Odesa ein wirtschaftliches Herzstück. Heute ist es der wichtigste verbliebene Seezugang des Landes. Rund 90 Prozent der ukrainischen Exporte werden über den Seeweg abgewickelt. Genau das macht die Region so verwundbar. Drohnenangriffe auf Frachtschiffe, beschädigte Container und hunderte Luftalarme pro Jahr unterbrechen den Betrieb immer wieder. Im vergangenen Jahr sanken die Agrarexporte um fast die Hälfte.
Gleichzeitig leidet die Zivilbevölkerung unter massiven Stromausfällen. Hunderttausende Menschen saßen mitten im Winter ohne Heizung und Elektrizität im Dunkeln. Generatoren sind teuer, ihr Betrieb für viele kaum bezahlbar. „Die Kälte ist manchmal schlimmer als der Beschuss“, sagt eine junge Mutter am Strand, während Sirenen heulen.
Trotz allem versuchen die Menschen, weiterzuleben. Einige gehen fischen, andere spazieren mit ihren Kindern am Meer. Hoffnung mischt sich mit Erschöpfung. „Wir leben seit vier Jahren so“, sagt eine Bewohnerin. „Vielleicht endet es irgendwann.“
Russland beansprucht Odesa historisch für sich. Doch die Stadt verändert sich. Russische Symbole verschwinden, Straßennamen werden ukrainisiert. Der Krieg zwingt Odesa, ihre Identität neu zu definieren. Sollte Russland die Stadt nicht einnehmen können, scheint eines sicher: Es wird weiter versuchen, sie zu zerstören.