Die Sicherheitslage im Norden Syriens bleibt angespannt: Nach dem angekündigten Rückzug kurdisch geführter Einheiten hat die syrische Armee mehrere Städte und Dörfer östlich von Aleppo unter ihre Kontrolle gebracht. Auslöser der jüngsten Entwicklungen ist eine Vereinbarung zwischen der Regierung in Damaskus und den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF), die überwiegend von Kurden geführt werden und in den vergangenen Jahren große Teile Nord- und Ostsyriens kontrollierten.
Am Samstag rückten Regierungstruppen unter anderem in die Stadt Maskanah vor. Auch Deir Hafer, rund 50 Kilometer östlich von Aleppo, wurde von der syrischen Armee eingenommen. Videoaufnahmen bestätigten die Präsenz militärischer Einheiten in der Region. Die SDF-Führung hatte zuvor erklärt, ihre Kämpfer würden sich aus Gebieten östlich von Aleppo zurückziehen und sich hinter den Euphrat verlegen. Dieser Fluss bildet inzwischen eine faktische Trennlinie zwischen beiden Seiten.
Der Oberkommandierende der SDF, Mazloum Abdi, begründete den Rückzug mit dem Wunsch, den im März vereinbarten Integrationsprozess fortzusetzen. Auf Druck internationaler Vermittler und befreundeter Staaten wolle man ein Zeichen des guten Willens setzen. Beobachter sehen darin jedoch auch einen strategischen Schritt, um größere militärische Verluste zu vermeiden, nachdem kurdische Einheiten zuvor aus mehreren Stadtvierteln Aleppos verdrängt worden waren.
Trotz der Vereinbarung kam es weiterhin zu Gefechten. Besonders um das Al-Thawra-Ölfeld südlich von Tabqa meldeten beide Seiten schwere Kämpfe. Die SDF warf der Regierung vor, Abmachungen verletzt zu haben, indem Truppen in Orte einrückten, bevor der Abzug abgeschlossen war. Damaskus wiederum beschuldigte kurdische Einheiten, Soldaten angegriffen und Sprengladungen an wichtiger Infrastruktur angebracht zu haben.
Die Zivilbevölkerung reagiert vielerorts mit Erleichterung, aber auch mit Sorge. Viele Menschen hoffen, dass der Vormarsch der Armee ohne weitere Blutvergießen verläuft. Nach 14 Jahren Bürgerkrieg ist die Kriegsmüdigkeit deutlich spürbar.
Politisch versucht Präsident Ahmed al-Sharaa, die Lage zu beruhigen. Ein kürzlich erlassenes Dekret sichert syrischen Kurden volle Bürgerrechte sowie die Anerkennung der kurdischen Sprache als nationale Sprache zu. Ob diese Zusagen ausreichen, um das Misstrauen abzubauen, bleibt offen. Die kurdische Selbstverwaltung fordert weiterhin verbindliche Garantien für Autonomie und Mitsprache.
Experten betonen, dass der aktuelle Rückzug der SDF ein Wendepunkt sein könnte – entweder hin zu einer schrittweisen Integration in den syrischen Staat oder zu neuen Spannungen, falls Vereinbarungen nicht eingehalten werden. Die kommenden Wochen dürften entscheidend dafür sein, ob sich im Norden Syriens erstmals seit Jahren eine stabilere Ordnung abzeichnet.