Kanadas Premierminister Mark Carney steht vor einer heiklen Mission: Sein Besuch in China gilt als historisch und richtungsweisend, doch er erfordert ein feines diplomatisches Gleichgewicht. Ziel der Reise ist es, die angespannten Beziehungen zwischen Ottawa und Peking zu stabilisieren und zugleich neue wirtschaftliche Perspektiven jenseits der USA zu erschließen. Seit 2017 hat kein kanadischer Regierungschef mehr offiziell China besucht – entsprechend hoch sind die Erwartungen.
Hintergrund ist die wachsende Unsicherheit in den Handelsbeziehungen mit den Vereinigten Staaten, Kanadas wichtigstem Wirtschaftspartner. Strafzölle, insbesondere auf Stahl, Aluminium und Automobile, belasten die kanadische Wirtschaft erheblich. Vor diesem Hintergrund verfolgt Carneys Regierung eine ambitionierte Strategie: In den kommenden zehn Jahren sollen die Exporte außerhalb der USA verdoppelt werden. China rückt dabei zwangsläufig in den Fokus.
Gleichzeitig ist das Verhältnis zwischen beiden Ländern von Misstrauen geprägt. Tiefpunkt war das Jahr 2018, als die Huawei-Managerin Meng Wanzhou in Vancouver auf Antrag der USA festgenommen wurde. Als Reaktion nahm China zwei Kanadier fest. Zwar wurden alle Beteiligten 2021 freigelassen, doch das Vertrauen blieb beschädigt. Hinzu kommen Vorwürfe chinesischer Einflussnahme auf kanadische Politik sowie unterschiedliche Auffassungen zu Menschenrechten und internationaler Sicherheit.
Carneys Reise soll keinen Kurswechsel darstellen, sondern einen pragmatischen Neuanfang. Gespräche mit Premier Li Qiang, Parlamentschef Zhao Leji und schließlich Präsident Xi Jinping sollen ausloten, wo Kooperation möglich ist – etwa bei Klima- und Energiefragen – und wo klare Grenzen gezogen werden müssen, etwa in den Bereichen Verteidigung und kritische Rohstoffe. Experten sprechen von einem „realistischeren“ Ansatz, der rote Linien definiert und dennoch Dialog ermöglicht.
Ein zentrales Thema sind die chinesischen Zölle auf kanadischen Raps (Canola), die vor allem Landwirte in den Prärieprovinzen treffen. Diese Maßnahmen gelten als Reaktion auf kanadische Strafzölle auf chinesische Elektrofahrzeuge. Ottawa hofft, hier Entlastung zu erreichen, während Peking deutlich macht, dass es im Gegenzug Zugeständnisse erwartet.
Für China wiederum ist Kanada ein attraktiver Partner: Das Handelsvolumen belief sich 2024 auf rund 118 Milliarden US-Dollar. Zudem könnte ein engeres Verhältnis zu Ottawa Chinas Einfluss in Nordamerika stärken – direkt vor der Haustür der USA. Genau darin liegt der sensibelste Punkt von Carneys Mission. Washington dürfte jede Annäherung genau beobachten, während Kanada betont, seine amerikanischen Partner transparent zu informieren.
Am Ende bleibt Carney nur der Balanceakt: wirtschaftliche Eigeninteressen verfolgen, ohne sicherheitspolitische Prinzipien aufzugeben oder das Verhältnis zu den USA zu gefährden. Ob dieser Spagat gelingt, wird weit über diese Reise hinaus Wirkung zeigen.