Der Winter zeigt in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw derzeit seine härteste Seite. Bei Temperaturen von bis zu minus zehn Grad Celsius kämpfen zehntausende Bewohnerinnen und Bewohner ums tägliche Überleben, nachdem massive russische Angriffe große Teile der Energieinfrastruktur lahmgelegt haben. Strom, Wasser und Heizung fielen zeitweise komplett aus – mitten in einer Phase extremer Kälte.
Nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko konnte die Wärmeversorgung inzwischen in rund 85 Prozent der Wohngebäude wiederhergestellt werden. Doch mehr als 1.000 Häuser sind weiterhin ohne Heizung. Auch Stromausfälle prägen den Alltag, viele Menschen müssen mehrere Stunden am Tag ohne Elektrizität auskommen. Die Stadt wirkt angespannt, die Lage bleibt fragil.
Die ukrainische Regierung spricht von gezielten Angriffen Russlands auf wärmeerzeugende Anlagen. Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko erklärte, die Energieinfrastruktur sei in den vergangenen Tagen täglich beschossen worden – genau zu dem Zeitpunkt, als die Temperaturen drastisch sanken. Ziel sei es offenbar, die Moral der Bevölkerung zu brechen und das wirtschaftliche Leben weiter zu schwächen.
Um die Not zu lindern, hat der ukrainische Katastrophenschutz in Kyjiw mobile Wärmezelte eingerichtet. Dort können sich Menschen aufwärmen, ihre Handys aufladen und heißen Tee trinken. Dennoch berichten viele Bewohner von enormen Schwierigkeiten. Kochen ist oft nur mit Gas-Kanistern möglich, Aufzüge stehen still, ältere Menschen sind in ihren Wohnungen eingeschlossen.
Besonders betroffen sind ältere Bürgerinnen und Bürger. Die 71-jährige Rentnerin Galina Turchin hüllt sich in mehrere Pullover, um die Kälte in ihrer Wohnung zu ertragen. Ein Fenster wurde durch Trümmerteile beschädigt und notdürftig mit Plastik abgedeckt. „Wir hoffen, dass sie uns wenigstens Wärme geben“, sagt sie. Seit Tagen lebt sie von kalten Essensresten.
Auch in anderen Regionen der Ukraine ist die Lage angespannt. In den Gebieten Dnipropetrowsk und Saporischschja fielen nach nächtlichen Angriffen erneut Strom und Heizung aus. Landesweit waren in den vergangenen sieben Tagen zeitweise bis zu 700.000 Haushalte ohne Strom. Zwar wurden viele Anschlüsse wiederhergestellt, doch Experten warnen vor weiteren Ausfällen.
Der Krieg geht nun in seinen vierten Winter, und mit jeder Kälteperiode wird die Belastung für die Zivilbevölkerung größer. Trotz schneller Reparaturen bleibt die Energieversorgung unsicher. In einigen Vororten Kyjiws protestieren Menschen bereits auf den Straßen, weil sie seit Tagen ohne Strom leben.
Für viele bleibt nur die Hoffnung, die kommenden Nächte irgendwie zu überstehen – eingehüllt in Decken, mit Kerzenlicht und der Erwartung, dass zumindest die Wärme bald zurückkehrt.