Der Wirecard-Prozess läuft seit mehr als 230 Verhandlungstagen – und noch immer kommen neue Details ans Licht. Nun zeigen umfassende Recherchen des BR, dass eines der größten Rätsel rund um die verschwundenen Wirecard-Gelder offenbar gelöst ist: Hinter einem Großteil der Geldströme, die über Drittpartner-Konten der Wirecard-Bank liefen, steckt der umstrittene Glücksspiel-Unternehmer Calvin Ayre.
Die Spur führt von Aschheim, dem einstigen Firmensitz des Dax-Konzerns, bis in die Karibik – und zeigt ein bislang nicht gekanntes Ausmaß an verschachtelten Finanzstrukturen, Offshore-Firmen und mutmaßlich illegalen Transaktionen.
🔍 Hintergrund: Die 1,9 Milliarden Euro, die nie existierten
Im Münchner Wirecard-Prozess ist inzwischen unstrittig:
Die angeblichen 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten in Asien waren frei erfunden.
Theres Kraußlach, die Verteidigerin von Ex-CEO Markus Braun, räumt offen ein:
„Das können wir mittlerweile alle nicht abstreiten, das ist offensichtlich.“
Doch während diese Fake-Milliarden als Fantasie entlarvt wurden, gab es eine zweite, real existierende Geldspur:
Hunderte Millionen Euro, die über die Wirecard-Bank liefen – echte Gelder aus echten Geschäften. Und genau diese Geldflüsse sorgten jahrelang für Rätselraten.
🧩 Die große Frage: Wem gehörten die Milliarden auf den Drittpartner-Konten?
Die Drittpartner-Firmen, die laut Wirecard vor allem in Asien arbeiteten, sollten Zahlungen abwickeln. Braun behauptete stets:
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Diese Gelder gehörten Wirecard.
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Marsalek und seine Komplizen hätten sie veruntreut.
Doch BR-Recherchen zeigen nun ein deutlich anderes Bild.
📁 BR findet Marsalek-E-Mails mit halber Million Transaktionen
Bereits 2022 stießen die Journalisten auf E-Mails von Jan Marsalek, in denen Excel-Listen mit 500.000 Transaktionen aus dem Jahr 2018 enthalten waren. Die Analyse enthüllte:
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Briefkastenfirmen in Prag, Montenegro und diversen Offshore-Paradiesen
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Überweisungen in Millionenhöhe an Drittpartner
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gigantische Summen, die in einem intransparenten Netz zirkulierten
Ein Insider erklärte:
„Wirecard war ein Sammelpunkt für Gelder aus illegalem Glücksspiel.“
🎯 Die zentrale Entdeckung: Die Spur führt zu Calvin Ayre
Nach jahrelanger Auswertung von Kontounterlagen und Gesprächen mit Informanten konnten die BR-Reporter rekonstruieren:
Große Teile der Gelder gehörten Calvin Ayre.
Wer ist Ayre?
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kanadischer Milliardär
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Gründer der Glücksspielplattform Bodog
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Bitcoin-Großinvestor
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lebt seit Jahren auf Antigua
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2012 in den USA wegen illegalen Glücksspiels angeklagt
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2017 Deal mit der US-Justiz: Schuldeingeständnis + 500.000 Dollar Strafe
2012 wurden 66 Millionen Dollar seiner Glücksspielgewinne beschlagnahmt. Ayre wich zunehmend auf Offshore-Strukturen aus.
🌍 Die Geldströme: 135 Millionen Euro direkt nach Antigua
BR-Reporter verfolgten die Wege des Geldes weiter – und die Ergebnisse sind brisant:
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135 Millionen Euro flossen über Wirecard-Bank-Konten nach Antigua
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Empfänger: neun Firmen
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Viele davon registriert im „Fitzgerald House“, 44 Church Street, St. John’s
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Nur zwei dieser Firmen tauchen im Unternehmensregister Antiguas auf – und erst seit 2020
Im Fitzgerald House sitzt die Kanzlei Cort & Cort – geleitet von Errol Cort, dem früheren Finanzminister Antiguas.
Aus einer Ayre-Mail:
Errol Cort sei sein „Anwalt und bester Freund“.
🧨 Brisantes Insider-Interview: „Ja, Ayre steckte hinter den Drittpartner-Geldern.“
Christen Ager-Hanssen, ein norwegischer Unternehmer, arbeitete fast ein Jahr lang für Ayre. In einem Interview mit report München spricht er erstmals offen über die Verbindung:
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Ayre habe globale Firmenstrukturen genutzt, um massive Geldbewegungen zu verschleiern
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Wirecard sei für ihn ein idealer Knotenpunkt gewesen
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Drittpartner dienten als Tarnmantel für Glücksspielgeld
Damit wird klar:
Die Drittpartner waren keine eigenständigen Zahlungsdienstleister – sie waren Teil eines Systems, das Ayres Geldströme abwickelte.
🧩 Was bedeutet das für den Prozess?
Die Erkenntnisse ändern den Blick auf mehrere Kernfragen des Wirecard-Skandals:
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Die „veruntreuten Gelder“ waren nicht Wirecards Eigentum – sondern Ayres.
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Marsalek könnte als Schlüsselfigur agiert haben, um Ayres Glücksspiel-Kapital zu bewegen.
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Braun wird sich der Frage stellen müssen, wie viel er darüber wusste.
Für die Ermittler ist damit ein zentrales Puzzle-Stück gelöst.
📌 Fazit: Eines der größten Modelle zur Verschleierung von Glücksspielerlösen?
Die Recherchen offenbaren:
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Ein Milliardär im Exil
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Ein globales Netzwerk aus Briefkastenfirmen
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Ein Dax-Konzern, der als Gelddrehscheibe diente
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Ein flüchtiger Manager, der alles organisierte
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Und hunderte Millionen, die aus Europa in die Karibik verschwanden
Der Fall Wirecard bekommt damit eine völlig neue Dimension:
Es war nicht nur Bilanzbetrug – es war auch ein gigantischer Zahlungsstrom für internationale Glücksspielgelder.