In Europas Pharma- und Krankenhaussektor wächst die Besorgnis: Eine laufende Neubewertung von Ethanol durch die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) sorgt für erhebliche Unruhe. Sollte der weit verbreitete Stoff künftig als krebserregend eingestuft werden, droht ihm ein Verbot in zahlreichen Produkten – mit potenziell gravierenden Folgen für das Gesundheitswesen.
Ethanol, besser bekannt als Alkohol, ist nicht nur in Getränken oder Kosmetika enthalten, sondern spielt eine zentrale Rolle in der medizinischen Hygiene. Es ist Hauptbestandteil vieler Desinfektionsmittel, die in Kliniken, Arztpraxen, Apotheken und Laboren täglich eingesetzt werden.
Pharmaindustrie schlägt Alarm
„Ein mögliches Verbot von Ethanol wäre für den medizinischen Bereich ein echtes Problem“, warnt Meike Criswell, Desinfektionsmittel-Beauftragte beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI), im Gespräch mit dem MDR. Andere chemische Wirkstoffe könnten Ethanol nicht in Wirksamkeit und Sicherheit ersetzen – viele Alternativen seien weniger effektiv, schwieriger zu beschaffen oder gesundheitlich bedenklich.
Criswell betont: „Im Krankenhaussektor wäre das ein Problem, weil andere Stoffe nicht so wirksam, schlechter verfügbar oder sogar giftig wären.“ Noch dramatischer wären die Folgen in Krisen- oder Katastrophenfällen: „Im Verteidigungs- und Katastrophenfall wäre Deutschland blank.“
Entscheidung steht kurz bevor
Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) will in rund zwei Wochen ihre Neubewertung von Ethanol vorlegen. Sollte die Behörde zu dem Schluss kommen, dass Ethanol als karzinogen (krebserregend) einzustufen ist, muss die EU-Kommission entscheiden, ob sie dieser Einschätzung folgt.
Ein solches Urteil hätte weitreichende Konsequenzen: Es könnte nicht nur die Herstellung und den Vertrieb alkoholhaltiger Desinfektionsmittel gefährden, sondern auch Apotheken, Kliniken, Labore und industrielle Produktionsprozesse vor erhebliche Herausforderungen stellen.
Ethanol – unverzichtbar für Hygiene und Medizin
Ethanol gilt bislang als unverzichtbarer Bestandteil der medizinischen Grundhygiene. Es tötet zuverlässig Bakterien, Pilze und viele Viren ab, darunter auch das Coronavirus, das während der Pandemie die Bedeutung alkoholhaltiger Desinfektionsmittel deutlich machte.
Während des Ausbruchs von COVID-19 2020 gehörte Ethanol zu den strategisch wichtigsten Rohstoffen in der EU. Ein mögliches Verbot oder eine strenge Einschränkung könnte daher auch Sicherheits- und Versorgungsrisiken nach sich ziehen.
Kritik an Brüsseler Regulierungsplänen
Innerhalb der Branche wächst die Sorge, dass die EU mit immer strengeren Chemikalienvorgaben über das Ziel hinausschießt. Vertreter der pharmazeutischen Industrie fordern eine differenzierte Bewertung, die den praktischen Nutzen und die jahrzehntelange sichere Anwendung von Ethanol berücksichtigt.
„Niemand bestreitet den Gesundheitsschutz“, so Criswell, „aber wenn wir eine der wichtigsten Substanzen zur Infektionsprävention verbieten, riskieren wir mehr Schaden als Nutzen.“
Was als Nächstes passiert
Nach Vorlage des ECHA-Gutachtens wird die EU-Kommission entscheiden, ob Ethanol tatsächlich in eine strengere Gefahrenkategorie eingestuft wird. Sollte dies geschehen, könnten zahlreiche Produkte neu zugelassen oder reformuliert werden müssen – ein Prozess, der Jahre dauern und Millionen kosten würde.
Bis dahin hoffen Pharmazeuten, Kliniken und Apotheker gleichermaßen, dass die Kommission den praktischen Nutzen und die sicherheitsrelevante Bedeutung von Ethanol berücksichtigt. Denn ohne Ethanol, so warnen Fachleute, stünde Europas Gesundheitssystem im Notfall vor einem Desinfektions-Dilemma.