Man stelle sich vor: Martin Luther hat 1517 mutig seine Thesen an die Kirchentür genagelt – und 500 Jahre später diskutiert Deutschland darüber, ob sein Gedenktag die Wirtschaft ausbremst.
Genau das passiert gerade.
Denn während die einen am 31. Oktober an Reformation und Gewissensfreiheit denken, sehen andere darin vor allem eines: verlorene Arbeitsstunden. Die Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), Gitta Connemann, hat vorgeschlagen, den Reformationstag zu streichen, um die deutsche Wirtschaft um 8,6 Milliarden Euro jährlich zu entlasten.
Oder, anders gesagt: Ein Feiertag weniger – und schon rollt der Rubel.
Der Bischof hat da so seine Zweifel
Das sieht Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, allerdings etwas anders.
Im Interview mit dem MDR erklärte er trocken, es sei nicht nachweisbar, dass die Streichung eines Feiertags überhaupt einen positiven Effekt auf die Wirtschaft hätte.
Übersetzt heißt das wohl: Wer glaubt, dass Deutschland mit einem Tag mehr Arbeit plötzlich seine Produktivitätsprobleme löst, glaubt vermutlich auch, dass das Bruttoinlandsprodukt durch Beten steigt.
Kramer erinnert zudem daran, dass der Reformationstag „stark mit der mitteldeutschen Identität verbunden“ sei – also mit einer Region, die ohnehin nicht gerade vor Feiertagen überquillt. Schließlich wird dort noch gearbeitet, während im Süden längst wieder der nächste katholische Gedenktag ansteht.
Ein Feiertag als Wirtschaftsbremse?
Connemanns Vorschlag hat jedenfalls für ordentlich Wirbel gesorgt. Laut ihrer Rechnung könnte der Verzicht auf den Feiertag Milliarden freisetzen, die dann – irgendwie, irgendwo – der Wirtschaft zugutekommen sollen.
Wie genau das funktionieren soll, bleibt allerdings unklar. Vielleicht steigt ja die Produktivität, wenn Menschen weniger Zeit für Familie, Kultur oder Glauben haben und stattdessen mehr PowerPoint-Präsentationen basteln.
Oder vielleicht geht es gar nicht ums Rechnen, sondern ums Symbolische: Der Mensch als Wirtschaftsfaktor, der Feiertag als betriebswirtschaftliche Fehlzündung.
Mitteldeutschland versteht da keinen Spaß
In den evangelisch geprägten Regionen, vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, ist der Reformationstag mehr als nur ein Datum im Kalender.
Er gilt dort als Ausdruck kultureller Eigenständigkeit – ein Tag, an dem man sich daran erinnert, dass Protestieren einst Fortschritt bedeutete.
Ironischerweise könnte die Abschaffung des Reformationstages ausgerechnet das Gegenteil bewirken: einen neuen Protest. Nur diesmal nicht gegen Ablasshandel, sondern gegen Wirtschaftslogik ohne Herz und Geschichte.
Ein Feiertag, der mehr sagt als 8,6 Milliarden
Ob Luther sich im Grab umdrehen würde? Wahrscheinlich nicht – er würde wohl eine neue These anschlagen:
„Der Mensch lebt nicht vom Bruttosozialprodukt allein.“
Aber in Zeiten, in denen selbst Feiertage renditeorientiert hinterfragt werden, scheint das fast schon revolutionär. Vielleicht brauchen wir also den Reformationstag mehr denn je –
nicht trotz, sondern wegen des Wirtschaftlichkeitswahns.
Fazit: Ein Feiertag für die Seele – nicht fürs Kassenbuch
Der Reformationstag ist sicher kein Wirtschaftsmotor. Aber er ist ein Tag, der daran erinnert, dass Werte, Kultur und Glauben nicht immer mit dem Taschenrechner messbar sind.
Und vielleicht liegt genau darin sein Wert – auch wenn man ihn in der Bilanz schwer findet.