Jean Flick (88) hat in ihrem Leben viele Verluste ertragen. Zwei geliebte Ehemänner hat sie dem Krebs abgerungen – nun droht auch ihr letztes Zuhause vom Meer verschlungen zu werden.
Seit 25 Jahren lebt die Witwe in einem historischen Haus auf den Klippen von Thorpeness, einem malerischen Küstenort in der Grafschaft Suffolk. Doch was einst ein Neuanfang war, wird nun zu einem Albtraum: Die Erosion der Steilküste schreitet unaufhaltsam voran. „Das Meer kommt jeden Tag näher“, sagt Jean in einem Interview mit der BBC, den Blick auf den Abgrund gerichtet, der einst ihr Garten war.
Wenn Erinnerungen erodieren
Ihr Haus, ein massives Ziegelbauwerk aus dem Jahr 1928, war mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Es war ein Ort der Heilung, des Glücks, der neuen Hoffnung. Mit ihrem zweiten Mann baute Jean sich hier ein neues Leben auf, nachdem ihr erster Partner an Krebs gestorben war. Aus einem der fünf Schlafzimmer wurde ein Wohnzimmer mit Panorama-Meerblick. „Wir waren sehr glücklich“, sagt sie leise – doch auch dieser Lebensabschnitt endete tragisch mit dem Tod ihres zweiten Mannes.
Jetzt verliert Jean erneut: erst die Gartenmauer, dann Meter für Meter Erde – bald ihr Zuhause. Die Luftaufnahmen zeigen, wie dicht die tosende See bereits herangerückt ist. „Mein Herz wird brechen“, sagt sie. „Denn dieses Haus ist mein ganzes Leben.“
Sturm „Babet“ – Wendepunkt der Zerstörung
Besonders dramatisch wurde die Lage nach dem schweren Sturm „Babet“ im Jahr 2023. „Die Klippen wurden verwüstet“, so Jean. Die letzten beiden Winter verschärften das Problem. Offizielle Stellen warnen: Sobald nur noch fünf Meter zwischen Haus und Klippenkante liegen, muss das Gebäude abgerissen werden – auf eigene Kosten und ohne Entschädigung.
„Ich weiß nicht, wie ich das bezahlen soll“, sagt Jean Flick. Dabei ist sie nicht die Einzige: Auch ihre Nachbarn kämpfen gegen die Naturgewalt – mit Felsbrocken, Sandsäcken und notdürftigen Schutzwällen. Ob diese Maßnahmen genehmigt sind, ist unklar. Doch der Wille, das eigene Heim zu retten, überwiegt vielerorts die Bürokratie.
Politik: Rückzug statt Schutz
Der Landkreis East Suffolk zählt laut Experten zu den am stärksten von Küstenerosion betroffenen Gebieten in ganz Nordwesteuropa. „Unsere Küstenlinie schrumpft schneller als irgendwo sonst im Vereinigten Königreich“, sagt Mark Packard vom regionalen Küstenmanagement.
Trotzdem ist der Handlungsspielraum der Behörden begrenzt. Die offizielle Strategie setzt auf sogenannten „Managed Retreat“ – den gesteuerten Rückzug der Bevölkerung von der Küstenlinie. Harte Eingriffe wie Wellenbrecher oder Befestigungen sind im Managementplan nicht vorgesehen. Der Grund: Sie gelten als zu teuer, zu umweltschädlich oder schlicht ineffektiv im langen Kampf gegen das Meer.
Für Jean Flick ein kaum zu ertragender Gedanke. „Es ist, als würde ich meine Familie ein drittes Mal verlieren. Erst meine Männer – jetzt mein Haus. Was bleibt dann noch?“