In einem aufsehenerregenden Strafprozess wurden fünf ehemalige kanadische Eishockeyspieler – darunter Carter Hart, Michael McLeod, Cal Foote, Dillon Dube und Alex Formenton – vom Vorwurf der sexuellen Nötigung freigesprochen. Die Vorwürfe bezogen sich auf eine Nacht im Juni 2018 während eines Hockey-Canada-Events in London, Ontario. Die damaligen Spieler des kanadischen U20-Nationalteams sollen laut der Klägerin E.M. in einem Hotelzimmer sexuelle Handlungen gegen ihren Willen vorgenommen haben.
Die Richterin Maria Carroccia sprach die Angeklagten frei, da sie die Aussagen der Klägerin für „weder glaubwürdig noch zuverlässig“ hielt. Die Entscheidung sorgte landesweit für Schock und Erleichterung – und eine intensive Debatte über die Definition von Einvernehmlichkeit (Consent), die Machtverhältnisse im Spitzensport und die Rolle von Hockey Canada.
Reaktionen und Kritik
Die Klägerin E.M., deren Identität durch eine Veröffentlichungssperre geschützt ist, zeigte sich „zutiefst enttäuscht“. Ihre Anwältin nannte die Art und Weise der Befragung im Kreuzverhör „respektlos und herabwürdigend“. Trotz der harten persönlichen Belastung habe E.M. „Mut und Standhaftigkeit“ bewiesen, so Unterstützer.
Hockey Canada und der kulturelle Kontext
Die Vorwürfe führten bereits 2022 zu politischen Untersuchungen und öffentlicher Empörung über den Umgang von Hockey Canada mit sexualisierten Gewaltvorfällen. Damals wurde bekannt, dass die Organisation einen Zivilrechtsstreit mit E.M. außergerichtlich beigelegt hatte, ohne die betroffenen Spieler darüber zu informieren.
Kritiker sagen, die strukturelle Kultur im Spitzensport, insbesondere im Eishockey, habe ein Klima der Entschuldigungen und Intransparenz begünstigt. Sportsoziologen wie Misener und Orchard betonten, dass nicht nur Individuen, sondern die gesamte Sportkultur auf der Anklagebank stehen sollte: Talent, Ruhm und institutioneller Schutz würden mitunter ein Gefühl von Unantastbarkeit vermitteln.
Was bleibt nach dem Urteil?
-
Die Rechtslage zu sexueller Zustimmung in Kanada bleibt hochrelevant: Einvernehmlichkeit muss freiwillig, fortlaufend und bei vollem Bewusstsein gegeben werden.
-
Der Fall zeigt die Hürden für Betroffene, die sich strafrechtlichen Verfahren stellen – und stellt infrage, ob das Rechtssystem allein Gerechtigkeit schaffen kann.
-
Hockey Canada hat Reformen versprochen: obligatorisches Consent-Training, neue Führungsstrukturen und unabhängige Untersuchungen. Doch viele sehen den Weg zu echter Veränderung noch als lang.
Ausblick
Die Staatsanwaltschaft hat 30 Tage Zeit, um Berufung gegen das Urteil einzulegen. Doch schon jetzt gilt der Fall als Wendepunkt in der Diskussion um sexualisierte Gewalt im Profisport – nicht nur in Kanada, sondern international.