In Sachsen-Anhalt verpasst rund ein Drittel der Kinder mindestens eine der vorgesehenen U-Untersuchungen – also die regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen, die Kinder bis zum Schulalter begleiten sollen. Laut aktuellen Daten liegt die vollständige Teilnahmequote bei lediglich etwa 70 Prozent.
Besonders betroffen sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien. In dieser Gruppe ist die Teilnahmequote noch deutlich geringer. Die Folge: Entwicklungsverzögerungen, chronische Erkrankungen oder Verhaltensstörungen werden häufiger zu spät erkannt – mit mitunter lebenslangen gesundheitlichen und sozialen Folgen.
Frühe Hilfe bleibt aus
Gerade die späten Vorsorgeuntersuchungen, wie etwa die U9 (im fünften oder sechsten Lebensjahr), werden seltener wahrgenommen – obwohl sie besonders wichtig sind, um Schulreife, Sprachentwicklung oder motorische Fähigkeiten zu überprüfen. Fachleute warnen: Wer diese Chancen verpasst, fällt im weiteren Lebensverlauf oft zurück, ohne dass rechtzeitig geholfen werden kann.
Landtag diskutiert Pflichtmodell
Angesichts dieser alarmierenden Zahlen diskutiert der Landtag von Sachsen-Anhalt derzeit ein verpflichtendes Modell für die U-Untersuchungen. Der Vorschlag: Wer einen Termin versäumt, soll automatisch durch das Gesundheitsamt erinnert oder sogar vorgeladen werden – ähnlich wie es bereits in anderen Bundesländern wie Bayern oder Hessen praktiziert wird.
Gesundheitsfachkräfte und Kinderärzte befürworten eine solche Regelung. „Es geht nicht um Zwang, sondern um die Chancengleichheit der Kinder“, heißt es aus medizinischen Kreisen. Auch die Landesärztekammer spricht sich für stärkere Anreize und eine bessere Aufklärung aus – vor allem in benachteiligten Wohngegenden.
Mangelhafte Erfassung als weiteres Problem
Erschwerend kommt hinzu, dass in manchen Fällen die Datenlage selbst lückenhaft ist. Denn nicht alle Vorsorgeuntersuchungen werden digital gemeldet, vor allem wenn Familien den Arzt wechseln oder umziehen. Das erschwert den Behörden die Nachverfolgung.
Appelle an die Verantwortung
Trotz allem liegt ein großer Teil der Verantwortung weiterhin bei den Eltern. Experten betonen die Bedeutung frühzeitiger medizinischer Betreuung und plädieren für verstärkte Aufklärung über die langfristige Wirkung der U-Untersuchungen – insbesondere dort, wo Bildungsferne, Sprachbarrieren oder mangelndes Vertrauen in das Gesundheitssystem bestehen.
Die Debatte im Landtag zeigt: Der politische Wille für ein verpflichtendes System wächst – denn klar ist, dass jedes verpasste Zeitfenster in der kindlichen Entwicklung langfristige Folgen haben kann.