Der jahrzehntelange intensive Fischfang in der Ostsee hat nicht nur die Bestände des Dorsches stark dezimiert, sondern auch das Erbgut der Tiere verändert. Das berichtet das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Die Wissenschaftler schlagen Alarm: Der einst in großen Mengen vorkommende und bis zu über einem Meter lange „Ostsee-Gigant“ ist inzwischen nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Tiere sind heute seltener, deutlich kleiner – und genetisch verändert.
„Ein ausgewachsener Dorsch von heute würde problemlos auf einen Essteller passen“, heißt es in einer Mitteilung der Forschenden. Diese drastische Veränderung ist laut Geomar das Ergebnis eines langfristigen Zusammenspiels zwischen intensiver Befischung, Umweltveränderungen wie Sauerstoffmangel und steigenden Temperaturen sowie natürlichen Anpassungsprozessen.
Fangdruck wirkt wie eine Evolution unter Zwang
Besonders kritisch bewerten die Expertinnen und Experten den gezielten Fang der größten und kräftigsten Tiere über Jahrzehnte hinweg. Dieser sogenannte selektive Fischereidruck führte dazu, dass sich kleinere und früher geschlechtsreife Dorsche leichter fortpflanzen konnten – ein Prozess, der auf lange Sicht auch das genetische Profil der Population veränderte. „Die Überfischung hat wie ein künstlicher Selektionsmechanismus gewirkt“, erklärt das Forschungsteam. Dadurch haben sich Merkmale wie langsameres Wachstum und geringere Endgrößen stärker durchgesetzt.
Fangverbot seit 2019 – aber keine Erholung in Sicht
Obwohl der gezielte Fang von Dorschen in der westlichen Ostsee seit 2019 offiziell verboten ist, zeigen die Bestände bislang keine nennenswerte Erholung. Das liegt auch daran, dass die Lebensbedingungen für die Fische schwieriger geworden sind: Sauerstoffarme Zonen, veränderte Nahrungsnetze und ein insgesamt belastetes Ökosystem erschweren die Rückkehr zu früheren Populationen.
Langfristige Folgen für das Ökosystem
Die Veränderungen haben nicht nur Folgen für Fischerei und Verbraucher, sondern auch für das gesamte ökologische Gleichgewicht in der Ostsee. Als Raubfisch spielte der Dorsch eine wichtige Rolle im Nahrungsnetz. Seine Schwächung verändert das Zusammenspiel zwischen verschiedenen Arten – mit bislang noch nicht vollständig absehbaren Konsequenzen.
Die Forschenden fordern daher umfassende Schutzmaßnahmen, eine nachhaltigere Meeresnutzung und eine Stärkung der marinen Forschung. Nur mit langfristiger Perspektive und konsequenter Politik ließen sich marine Ökosysteme wie das der Ostsee wieder stabilisieren.