Häusliche Gewalt bleibt ein tiefgreifendes gesellschaftliches Problem – auch im Jahr 2025. Allein in Schleswig-Holstein wurden 2024 über 9.300 Fälle registriert. Viele Betroffene bleiben jedoch unsichtbar, sprechen aus Angst, Scham oder fehlender Unterstützung nicht über das Erlebte. Eine, die sich aus dieser Spirale befreit hat und nun anderen hilft, ist Sogol Kordi. Die heute 26-Jährige hat aus ihrer eigenen Geschichte heraus die gemeinnützige Online-Plattform „myProtectify“ gegründet – eine digitale Anlaufstelle für Menschen, die unter häuslicher Gewalt leiden und auf anonyme, unkomplizierte Hilfe angewiesen sind.
„Ich habe gedacht, ich überlebe das nicht.“
Sogol Kordi weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn man keinen Ausweg sieht. Vier Jahre lang lebte sie in einer Beziehung, die von körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt geprägt war. „Ich habe mir immer gesagt: Sogol, du musst es schaffen – sonst wirst du in dieser Beziehung sterben“, erinnert sie sich. Trotz ihrer Angst entschied sie sich schließlich, zu gehen. Doch der Weg in ein selbstbestimmtes Leben war kein einfacher.
Sie suchte Hilfe – und wurde oft enttäuscht. Im Frauenhaus fand sie keinen Platz. Auch bei einer Psychologin stieß sie auf Ablehnung. Als sie sich schließlich befreien konnte, war sie 25 Jahre alt – ohne Wohnung, ohne Job, ohne eigenes Konto. Ihre Notlage machte deutlich, wie schwer es vielen Betroffenen fällt, sich zu lösen – selbst wenn sie den Mut dazu aufbringen.
„myProtectify“: Hilfe ohne Hürden
Aus diesen Erfahrungen heraus entstand die Idee für „myProtectify“ – ein Start-up, das digitale Hilfe bei häuslicher Gewalt anbietet. Die Plattform ermöglicht es Betroffenen, sich anonym zu melden, sich zu informieren, Kontakte zu Beratungsstellen zu erhalten oder mit geschultem Personal in Kontakt zu treten – ganz ohne Formalitäten oder Hürden.
Sogol Kordi betont: „Viele Frauen, Männer und nicht-binäre Personen erleben Gewalt – und finden keinen Zugang zum Hilfesystem. Sie trauen sich nicht zu sprechen oder wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Genau hier setzt ‚myProtectify‘ an.“
Das Angebot richtet sich besonders an Menschen, die digital nach Unterstützung suchen, etwa weil sie unter ständiger Beobachtung stehen oder abgeschottet leben. Die Plattform ist so gestaltet, dass sie diskret genutzt werden kann, etwa über einen unauffälligen Notausgang-Knopf oder verschlüsselte Chat-Funktionen.
Betroffene unterstützen Betroffene
„myProtectify“ basiert nicht nur auf professioneller Beratung, sondern auch auf Erfahrung und Empathie. Die Plattform bietet Community-Elemente, in denen sich Betroffene untereinander austauschen können – anonym, aber verbindend. Kordi ist überzeugt: Selbsthilfe und Solidarität sind zentrale Elemente der Heilung.
Mittlerweile hat „myProtectify“ erste Fördermittel eingeworben und wird in mehreren Bundesländern als Modellprojekt geprüft. Das Angebot wird weiter ausgebaut – auch mit Blick auf sprachliche Barrieren und kulturelle Besonderheiten. Denn häusliche Gewalt kennt keine Herkunft, kein Alter und kein Geschlecht.
Politische Forderungen: Mehr Schutz, mehr Digitalisierung, mehr Zugang
Sogol Kordi sieht ihr Projekt nicht nur als Hilfeplattform, sondern auch als politisches Statement. Sie fordert mehr finanzielle Mittel für Frauenhäuser, schnellere Zugänge zu Schutzmaßnahmen und eine stärkere digitale Begleitung im Krisenfall. Auch der Bildungsbereich müsse gestärkt werden: „Viele Betroffene wissen gar nicht, dass das, was ihnen passiert, nicht normal ist – und dass sie Rechte haben.“
Ein mutiger Schritt mit gesellschaftlicher Wirkung
„myProtectify“ ist mehr als nur ein digitales Tool – es ist Ausdruck einer persönlichen Befreiung und der Wille, Strukturen zu verändern. Sogol Kordi hat nicht nur für sich einen Ausweg gefunden – sie schafft ihn jetzt auch für andere.
Ihre Botschaft ist klar: Niemand muss alleine bleiben. Hilfe ist möglich – auch digital. Und manchmal beginnt der Weg in ein neues Leben mit einem einzigen Klick.