Bundesumweltminister Carsten Schneider hat die Deutsche Bahn scharf dafür kritisiert, dass sie die sogenannte Familienreservierung in ihren Zügen abschaffen will. In einem ausführlichen Interview mit den Zeitungen der Funke-Mediengruppe äußerte sich der SPD-Politiker deutlich: Die Bahn sei mit dieser Entscheidung „völlig falsch abgebogen“. Seiner Ansicht nach sende das Unternehmen damit ein „verkehrspolitisch und gesellschaftlich falsches Signal“, das dem Ziel einer sozial gerechten und klimafreundlichen Mobilität zuwiderlaufe.
„Wenn wir ernsthaft mehr Menschen zum Umstieg auf die Bahn bewegen wollen – gerade auch im Sinne des Klimaschutzes – dann darf Bahnfahren nicht komplizierter oder unbequemer werden, sondern attraktiver. Und das gilt insbesondere für Familien“, erklärte Schneider. Eine einfache und bezahlbare Sitzplatzreservierung für Familien sei nicht nur ein praktischer Service, sondern ein konkreter Anreiz, das Auto stehen zu lassen und auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen.
Kritik auch aus dem Verkehrsministerium
Auch Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (ebenfalls SPD) hatte sich bereits am Vortag in die Debatte eingeschaltet. Er bezeichnete die geplante Abschaffung der Familienreservierung als „völlig falsches Signal“. Familienfreundliche Angebote seien ein wesentlicher Baustein für eine moderne, soziale und nachhaltige Verkehrspolitik. „Wenn wir wollen, dass Kinder von klein auf positive Erfahrungen mit dem Bahnfahren machen, müssen wir ihnen das Reisen so angenehm wie möglich gestalten“, so Schnieder.
Was steckt hinter der Familienreservierung?
Die Familienreservierung war bislang ein Angebot der Deutschen Bahn, das es Eltern mit Kindern ermöglichte, unkompliziert und bevorzugt zusammenhängende Sitzplätze zu buchen – oft auch mit Tisch und in der Nähe von Wickelbereichen oder Familienabteilen. Insbesondere für Reisende mit Kinderwagen oder viel Gepäck war diese Option von großer Bedeutung. Die geplante Abschaffung sorgt daher nicht nur bei der Politik, sondern auch bei vielen Bahnreisenden für Unmut.
Sozial- und klimapolitischer Rückschritt?
Für Umweltminister Schneider geht es in der aktuellen Diskussion nicht nur um einen einzelnen Servicepunkt, sondern um eine grundsätzliche Weichenstellung im Verkehrssystem. „Wenn sich Familien in überfüllten Zügen auf Einzelsitze verteilen oder überhaupt keinen Platz finden, werden sie das nächste Mal eher wieder auf das Auto zurückgreifen“, warnte der Minister. Aus umweltpolitischer Sicht sei das kontraproduktiv: „Wir können es uns schlicht nicht leisten, die Bahn ausgerechnet für junge Familien unattraktiver zu machen.“
Appell an die Bahn: Kurskorrektur notwendig
Schneider forderte den Bahnvorstand daher auf, die Entscheidung zur Abschaffung der Familienreservierung dringend zu überdenken und das Gespräch mit Verbraucherverbänden, Familieninitiativen und politischen Entscheidungsträgern zu suchen. Die Bahn habe eine besondere Verantwortung als öffentliches Verkehrsunternehmen – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich und ökologisch. „Serviceabbau darf kein Instrument sein, um Sparziele zu erreichen – schon gar nicht auf Kosten der Familien.“
Ob die Deutsche Bahn auf den politischen und öffentlichen Druck reagiert, bleibt abzuwarten. Aus Sicht der Bundesregierung ist die Position jedoch klar: Familienfreundliches Bahnfahren ist kein Luxus, sondern ein notwendiger Beitrag zu einer nachhaltigen und inklusiven Verkehrswende.