Was für Außenstehende wie ein perfektes Leben wirkte, war für Sam DeMello der Beginn einer heimlichen Abwärtsspirale. Mit 26 Jahren, einem gut bezahlten Tech-Job und stabiler Beziehung galt er als Vorzeige-Millennial – doch er war schwer spielsüchtig. Heute, mit 38 Jahren, blickt er auf eine jahrelange Abhängigkeit zurück, in der er schätzungsweise 500.000 bis eine Million Dollar verlor.
DeMellos Fall ist kein Einzelfall. Durch die rasante Verbreitung legaler Sportwetten in den USA – aktuell erlaubt in 39 Bundesstaaten – wächst die Zahl junger Männer mit Spielsucht rapide. Besonders gefährdet: Männer zwischen 18 und 24, die Sportwetten über Apps wie FanDuel oder DraftKings eher als Freizeitvergnügen denn als riskantes Verhalten ansehen.
„Sportwetten sind mittlerweile so tief in unsere Popkultur eingebettet, dass viele junge Menschen gar nicht mehr merken, dass sie süchtig sind“, warnt Dr. Timothy Fong, Suchtforscher an der UCLA.
Wie Wetten süchtig machen – und warum viele es nicht merken
Spielsucht funktioniert ähnlich wie Drogenkonsum: Der Körper schüttet bei jeder gewonnenen Wette Dopamin aus – ein Belohnungseffekt, der auf Dauer das Gehirn verändert und Impulskontrolle sowie Risikobewusstsein schwächt. Anders als beim Alkohol bleibt die Sucht aber oft verborgen – auch vor dem Betroffenen selbst.
So dachte DeMello lange, Spielsucht beträfe nur Menschen, die alles verlieren. Er dagegen zahlte stets seine Rechnungen und lieh sich nie Geld. Die Illusion der Kontrolle hielt ihn jahrelang in der Abhängigkeit.
„Das Schwierigste war nicht, es anderen zu verheimlichen – sondern mir selbst“, sagt er.
Erst als sich aus der Spielsucht auch Alkohol- und Drogenprobleme entwickelten, suchte DeMello Hilfe. Doch in traditionellen Therapiegruppen fühlte er sich nicht verstanden – oft war er dort der Jüngste um Jahrzehnte.
Fehlende Aufklärung, fehlender Schutz
Experten wie Fong kritisieren, dass Prävention und Aufklärung mit dem Boom der Branche nicht Schritt halten. Anders als bei Alkohol oder Tabak gibt es keine bundesweiten Aufklärungskampagnen oder Regulierungen für Werbung – Sportwetten bleiben in vielen Bereichen gesetzlich unkontrolliert.
„Jugendliche steigen oft ohne jede Vorkenntnis in diese Welt ein – ohne Warnung, ohne Anleitung“, sagt Fong.
Auch Studien belegen, wie verzerrt das Bewusstsein junger Menschen ist: Während 92 % der über 65-Jährigen Sportwetten als Glücksspiel erkennen, sind es bei den 18- bis 24-Jährigen nur 50 %.
Neue Wege für Hilfe
Um die Lücke zu schließen, gründete DeMello die App Evive, ein digitales Therapieangebot speziell für Glücksspielabhängige. In mehreren Bundesstaaten ist sie bereits in das öffentliche Gesundheitssystem eingebunden.
Doch auch Eltern sollten laut DeMello aktiv werden: „Wir müssen anfangen, mit unseren Kindern über Glücksspiel zu reden – so selbstverständlich wie über Alkohol, Drogen oder Sexualität.“