50 Jahre nach Beginn des Stammheimer Prozesses gegen die erste Generation der Roten Armee Fraktion (RAF) wirken die Folgen des linken Terrors weiter nach – vor allem für die Kinder der Opfer. Eine neue ARD-Dokumentation beleuchtet eindrücklich, wie der Schmerz über den Verlust und die Suche nach Gerechtigkeit das Leben der Hinterbliebenen bis heute prägen.
Rache als Versuchung – und als Niederlage
Orm Kranenburg, Sohn des niederländischen Polizisten Arie Kranenburg, schildert erstmals öffentlich, wie er nach dem Tod seines Vaters im Herbst 1977 mit einer Dienstwaffe zur deutschen Grenze fuhr – bereit, den RAF-Terroristen Knut Folkerts zu töten, der seinen Vater bei einem Zugriff erschossen hatte. Doch unterwegs hielt ihn ein Gedanke zurück: Wenn er sich zur Rache hinreißen ließe, würde er seinen eigenen Kindern dasselbe antun, was ihm selbst widerfahren war – ihnen den Vater nehmen.
Der Verlust, der bleibt – und das Schweigen der Täter
Auch Sabine Reichel verlor ihren Vater, Georg Wurster, als dieser im April 1977 beim Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback schwer verletzt wurde und später starb. Ihre prägendste Erinnerung ist ein gemeinsames Fußballspiel am Vorabend. Wer den tödlichen Schuss abgab, weiß sie bis heute nicht. Die Täter schweigen – selbst Jahrzehnte später, trotz längst verbüßter Haftstrafen.
Ähnlich erging es Clais von Mirbach, dessen Vater Andreas 1975 beim Überfall auf die deutsche Botschaft in Stockholm brutal ermordet wurde. Die Erinnerung an den Tag ist bei ihm wie „von weißem Nebel“ überlagert – ein innerer Selbstschutz, glaubt er. Auch er beklagt das anhaltende Schweigen: „Die RAF-Täter verhalten sich wie SS-Mitglieder – ‚Meine Ehre ist meine Treue‘.“
Zwischen persönlichem Verlust und politischer Verantwortung
Hanns-Eberhard Schleyer, Sohn des 1977 entführten und ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, rang in Karlsruhe um das Leben seines Vaters. Er wirft dem Bundesverfassungsgericht bis heute eine politisch motivierte Entscheidung vor – dennoch hat er später selbst Gnadengesuche von Ex-RAF-Tätern unterstützt, als er in der Landespolitik Verantwortung trug.
Kein Schlussstrich – nur stille Spuren
Was die ARD-Doku „Im Schatten der Mörder“ zeigt, ist nicht nur die Langzeitwirkung von Terror auf Familien, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Frage: Wie geht ein Staat mit Tätern um, die sich politisch motivierter Gewalt schuldig gemacht haben – und mit den Opfern, die zurückbleiben?
Die Kinder der RAF-Opfer leben mit Wunden, die nie ganz verheilen. Sie stellen unbequeme Fragen nach Verantwortung, Erinnerung – und Vergebung. Manche von ihnen haben Frieden geschlossen, andere warten bis heute auf die Wahrheit.