Was haben Duschschläuche, Touchpads am Herd und klebrige Handyhüllen gemeinsam? Sie alle sind für den Berliner Autor Gabriel Yoran Ausdruck eines Phänomens, das er in seinem aktuellen Buch als „Verkrempelung“ beschreibt. Der Begriff steht für die paradoxe Entwicklung, dass viele Alltagsprodukte immer teurer und gleichzeitig immer schlechter werden – verkauft wird uns das Ganze aber als technischer Fortschritt.
Wenn Komfort ein Premium-Feature wird
Der Ausgangspunkt Yorans Überlegungen ist ein ganz konkretes Ärgernis: Ein neu gekaufter Duschschlauch – ohne Verdrehungsschutz – lässt sich kaum nutzen, ohne sich zu verknoten. Der einst selbstverständliche Komfort, dass sich der Schlauch bei der Nutzung nicht verdreht, wird inzwischen als „Premium-Option“ vermarktet. Für Yoran ist das ein typisches Beispiel für eine Entwicklung, die viele Verbraucher kennen: Produkte verlieren an Qualität, werden komplizierter in der Anwendung – und kosten dennoch mehr.
Fortschritt als Simulation
Besonders deutlich werde dieser Trend bei technischen Geräten, etwa Küchenherden mit Touchpads statt klassischer Drehknöpfe. Die Bedienung mit feuchten Fingern? Schwierig. Die Haltbarkeit? Fraglich. Doch das Narrativ lautet: modern, digital, innovativ. Yoran spricht von einer „freidrehenden Fortschrittssimulation“, die uns neue Produkte schmackhaft machen soll, obwohl sie oft schlicht schlechter funktionieren als ihre Vorgänger.
Warum langlebige Produkte nicht ins System passen
Ein zentraler Punkt in Yorans Analyse: Unsere Wirtschaftsweise belohnt keine Produkte, die lange halten. Im Gegenteil: Wenn etwas zu gut funktioniert, kaufen wir es nicht neu – und das schadet dem Absatz. Qualität, so seine provokante These, sei in der aktuellen Logik des Konsums eher ein Problem als ein Ziel.
Historische Gegenentwürfe: Was ist eigentlich ein gutes Produkt?
Yoran erinnert an den Deutschen Werkbund, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts industrielle Produktion mit handwerklicher Qualität verbinden wollte: langlebig, schlicht, funktional – und für möglichst viele Menschen erschwinglich. Heute dagegen scheint das Ideal guter Massenprodukte aus dem Blick geraten zu sein. Stattdessen floriert die Nostalgie in Form von Manufakturen und handgemachten Einzelstücken – ein Trend, den Yoran als gesellschaftlich zu elitär und wirtschaftlich zu unbedeutend kritisiert.
Verantwortung der Verbraucher – und der Politik
Zwar könnten Konsumentinnen und Konsumenten durch bewusste Kaufentscheidungen ein gewisses Gegengewicht bilden – etwa indem sie qualitativ hochwertige Produkte nachfragen. Doch Yoran sieht auch den Gesetzgeber in der Pflicht: Längere Gewährleistungsfristen, ein echtes „Recht auf Reparatur“ und strengere Mindeststandards könnten den Herstellern Anreize bieten, bessere Produkte zu entwickeln. „Warum sind wir eigentlich mit zwei Jahren Gewährleistung zufrieden? Warum nicht zehn?“, fragt er.
Fazit: Zwischen Frust und Forderung
Gabriel Yoran spricht vielen aus der Seele, die sich beim Online-Shopping über klapprige Wasserkocher oder bröselnde Brillenputztücher ärgern. Sein Konzept der „Verkrempelung“ beschreibt mehr als nur eine persönliche Frustration – es ist ein Systemproblem. Und wer auf der Suche nach wirklich guten Dingen ist, sollte sich nicht nur im Feinkostladen oder Designkatalog umsehen, sondern auch politisch und wirtschaftlich mehr Druck aufbauen. Denn Fortschritt darf nicht länger eine Ausrede für Qualitätsverlust sein.