Tschechien verfolgt beim Umstieg auf klimafreundlichere Mobilität einen pragmatischen und technologieoffenen Ansatz. Während in vielen EU-Staaten die Debatte um die Zukunft des Verbrennungsmotors stark polarisiert, fördert das tschechische Verkehrsministerium aktiv die Forschung an alternativen Kraftstoffen. Hintergrund ist die Einschätzung, dass Verbrennungsmotoren auch in den kommenden Jahrzehnten eine wichtige Rolle im Straßen- und Schienenverkehr spielen werden.
HVO als Hoffnungsträger im Bahnverkehr
In Mittelböhmen wird aktuell ein innovatives Pilotprojekt erprobt: Auf mehreren Zugverbindungen, etwa zwischen Prag, Beroun und Rakovník, testen die Tschechischen Eisenbahnen (ČD) den Einsatz von hydriertem Pflanzenöl (HVO) im sogenannten RegioFox-Zug. Dieser neue Triebzug nutzt einen Dieselmix, der zu 20 Prozent aus HVO besteht. Die Vorteile dieses Kraftstoffs liegen auf der Hand: HVO wird aus pflanzlichen und tierischen Abfallstoffen gewonnen und kann – in seiner reinen Form – bis zu 90 Prozent weniger CO₂-Emissionen verursachen als herkömmlicher Diesel.
HVO ist zudem vollständig kompatibel mit bestehenden Dieselmotoren. Laut Václav Loula vom tschechischen Verband für Erdölindustrie und Handel unterscheidet sich der Kraftstoff im Geruch kaum von konventionellem Diesel, was seine Nutzung im Alltag erleichtert. Bereits heute ist HVO an 20 Tankstellen in Tschechien erhältlich.
Elektromobilität hinkt hinterher
Dass Tschechien Alternativen zur Elektromobilität stärker in den Blick nimmt, ist auch eine Reaktion auf die bisher enttäuschenden Zulassungszahlen: Während der Anteil neuer E-Autos EU-weit 14 Prozent erreicht hat, liegt er in Tschechien bei unter 5 Prozent. Verkehrsminister Martin Kupka sieht darin einen klaren Hinweis darauf, dass alleinige Elektrifizierung zu kurz greife. Seiner Ansicht nach braucht es eine breitere Palette an Technologien – inklusive synthetischer Kraftstoffe, fortschrittlicher Biokraftstoffe und Additive –, um dem Klimaziel näher zu kommen.
EU-Ziele unter Druck
Die EU-Kommission fordert eine Reduktion der Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor um 15 Prozent bis 2030. Alternativ sollen erneuerbare Energien 29 Prozent des gesamten Verkehrsverbrauchs decken. Für Tschechien sei Letzteres kaum realistisch, sagt René Nedéla vom Ministerium für Industrie und Handel. Stattdessen plädiert er für eine flexible Auslegung der Ziele: Wichtig sei, dass Emissionen gesenkt würden – wie, solle offenbleiben.
Potenzial und Herausforderung
Derzeit sind in Mittelböhmen drei Zugsets mit alternativen Kraftstoffen unterwegs – eine kleine Zahl, wenn man bedenkt, dass mehr als 100 Fahrzeuge für die Zukunft bestellt wurden, die HVO oder ähnliche Kraftstoffe nutzen könnten. Doch die Entwicklung ist ein Anfang – und zeigt, dass nachhaltige Mobilität in Tschechien nicht zwingend elektrisch sein muss.
Statt einem ideologisch geprägten Kurs setzt Tschechien auf einen technologieoffenen, wirtschaftlich pragmatischen Weg. Das Ziel bleibt dabei klar: Emissionen senken – mit realistischen, machbaren Mitteln. Die Erforschung und Förderung alternativer Kraftstoffe ist ein zentraler Baustein dieser Strategie.