Deutschlands ranghöchster Soldat, Generalinspekteur Carsten Breuer, fordert angesichts der veränderten Sicherheitslage eine stärkere Einbindung der gesamten Gesellschaft in die Landes- und Bündnisverteidigung. Bei einer Verteidigungskonferenz des International Institute for Strategic Studies (IISS) in Prag machte er deutlich: Soldaten und moderne Waffen allein reichen aus seiner Sicht nicht aus.
Breuer verwies dabei auf die Erfahrungen aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Militärische Strategien und technische Systeme müssten heute wesentlich schneller angepasst werden als früher. Drohnen, künstliche Intelligenz, elektronische Kampfführung und andere Technologien veränderten die Kriegsführung in hohem Tempo.
Diese Einschätzung entspricht der bereits länger vertretenen Bundeswehrstrategie. Auch die Bundeswehr beschreibt die Gesamtverteidigung ausdrücklich als Zusammenspiel von Streitkräften, Behörden, Unternehmen, Hilfsorganisationen und Bevölkerung.
„Ohne Sie sind wir als Soldaten zum Scheitern verurteilt“
Besonders deutlich wurde Breuer bei der Rolle der Zivilgesellschaft. Nach dem vorliegenden Bericht sagte er an die Bevölkerung gerichtet:
„Ohne Sie sind wir als Soldaten zum Scheitern verurteilt.“
Gemeint ist damit nicht, dass sämtliche Bürger selbst Soldaten werden sollen.
Im Krisen- oder Verteidigungsfall muss beispielsweise die zivile Infrastruktur weiter funktionieren. Krankenhäuser, Energieversorgung, Telekommunikation, Bahnstrecken, Straßen, Behörden, Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienste und Unternehmen bleiben notwendig. Deutschland hat darüber hinaus innerhalb der NATO eine wichtige Funktion als logistische Drehscheibe für Truppen und Material.
Auch die Bundeswehr selbst beschreibt deshalb die Zusammenarbeit mit zivilen Organisationen und die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung als wichtigen Bestandteil der Landes- und Bündnisverteidigung.
Sorge vor hybriden Angriffen
Dabei geht es nicht ausschließlich um einen klassischen militärischen Angriff.
Zu den sogenannten hybriden Bedrohungen werden unter anderem Cyberangriffe, Sabotage an Bahnstrecken, Stromleitungen oder Pipelines sowie Desinformation gezählt. Ziel solcher Aktionen kann es sein, öffentliche Infrastruktur zu beeinträchtigen, Unsicherheit zu erzeugen oder staatliche Abläufe zu stören.
Aus Sicht der Bundeswehr können solche Gefahren deshalb nicht ausschließlich von Soldaten abgewehrt werden.
Ukraine verändert militärisches Denken
Ein zweiter Schwerpunkt von Breuers Rede war die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung.
Der Ukraine-Krieg zeigt beispielsweise, wie schnell sich der Einsatz von Drohnen verändert. Systeme, die heute einen militärischen Vorteil bieten, können bereits kurze Zeit später durch neue Abwehrmaßnahmen an Wirksamkeit verlieren.
Breuer warnt deshalb zugleich vor zu großer Technikgläubigkeit. Technologie müsse einem militärischen Zweck dienen und dürfe nicht allein deshalb eingesetzt werden, weil sie neu sei.
Die Bundeswehr selbst investiert inzwischen erheblich in unbemannte Systeme. Breuer erklärte bereits bei einer Erprobung von Drohnenschwärmen Ende 2025, dass dabei eine völlig neue Architektur der Kampfführung entstehe.
Bedeutet das, dass Deutschland mit einem Krieg 2029 rechnet?
Nein.
Die häufig genannte Jahreszahl 2029 sollte nicht als Vorhersage verstanden werden, dass Russland in diesem Jahr Deutschland oder die NATO angreifen werde.
Die Bundeswehr verwendet diesen Zeitraum vielmehr in ihrer militärischen Planung als Orientierung dafür, bis wann Russland nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden grundsätzlich wieder über ausreichende Fähigkeiten für einen größeren militärischen Konflikt mit der NATO verfügen könnte.
Ob es tatsächlich zu einem solchen Angriff kommt, lässt sich daraus nicht ableiten.
Die Bundeswehr begründet ihre Aufrüstung deshalb vor allem mit Abschreckung: Deutschland und seine NATO-Partner sollen militärisch so vorbereitet sein, dass ein möglicher Gegner bereits wegen der zu erwartenden Konsequenzen von einem Angriff absieht.
Breuers Botschaft geht über die Bundeswehr hinaus
Hinter der Rede steckt damit eine grundsätzliche Veränderung des deutschen Verteidigungskonzepts.
Verteidigung soll nicht mehr ausschließlich als Aufgabe der Bundeswehr betrachtet werden. Staat, Wirtschaft, Infrastrukturbetreiber, Rettungsorganisationen und Bevölkerung sollen gemeinsam dafür sorgen, dass Deutschland auch während einer schweren Krise handlungsfähig bleibt.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Bürger militärische Aufgaben übernehmen soll. Vielmehr geht es um funktionierende Infrastruktur, Katastrophenschutz, Versorgungssicherheit, Cyberabwehr, Reserven und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit.
Breuers zentrale Aussage lässt sich deshalb einfacher formulieren: Eine Armee kann ein Land militärisch verteidigen – aber ohne eine funktionierende Gesellschaft im Hintergrund kann sie einen länger andauernden Krisen- oder Verteidigungsfall kaum bewältigen.