Es gibt diese Abende, an denen man als VfB-Fan nach 90 Minuten dasitzt und sich fragt: Warum kann das eigentlich nicht immer so sein?
Keine Fingernägel bis zur Schulter abgekaut. Kein hektisches Rechnen. Kein „Jetzt bringet des Ding halt irgendwie über die Zeit!“. Stattdessen: VfB Stuttgart 4, 1. FC Köln 1.
Vier zu eins!
Das muss man als leidgeprüfter Schwabe erst einmal langsam aussprechen. Am besten zweimal. Und dann vorsichtshalber noch einmal auf den Spielstand schauen, ob man nicht versehentlich beim falschen Verein gelandet ist.
Aber nein: Unser VfB hat sein Heimspiel gegen Köln souverän gewonnen.
Und „souverän“ ist ein Wort, das man als VfB-Fan zwar kennt, aber traditionell nicht leichtfertig verwendet.
Vier Buden – da darf der Schwabe sogar zufrieden sein
Wir Schwaben gelten bekanntlich als sparsam. Beim Geld sowieso, beim Lob erst recht.
Ein 1:0? Reicht.
Ein 2:0? Luxus.
Ein 3:0? Jetzt wird’s langsam verschwenderisch.
Aber vier Tore?
Da wird selbst der sparsamste VfB-Anhänger plötzlich großzügig und sagt: „Also guat, des war jetzt wirklich ordentlich.“
Das Schöne an einem 4:1 ist ja nicht nur das Ergebnis. Es ist dieses seltene Gefühl, einen Fußballabend einmal genießen zu dürfen, ohne in den letzten Minuten sämtliche bekannten Stoßgebete gleichzeitig aufzusagen.
Normalerweise sitzt irgendwo tief im VfB-Fan immer diese kleine Stimme:
„Pass auf. Des isch no net vorbei.“
Beim 4:1 darf diese Stimme ausnahmsweise Feierabend machen.
Lieber Köln, nehmt’s nicht persönlich
Dem 1. FC Köln sei an dieser Stelle versichert: Das war nichts Persönliches.
Wir wissen schließlich selbst ziemlich genau, wie sich solche Abende anfühlen.
Als VfB-Fan hat man in seinem Leben genügend Fußballspiele erlebt, bei denen man irgendwann nur noch hoffte, dass der Schiedsrichter aus Gründen der Menschlichkeit etwas früher abpfeift.
Diesmal waren wir eben auf der angenehmen Seite.
Und man muss auch gönnen können.
Vor allem sich selbst.
Die Tabelle? Heute völlig egal!
Natürlich wird jetzt wieder gerechnet.
Wo steht der VfB? Was bedeutet das Ergebnis? Wer spielt am Wochenende noch? Was passiert, wenn Dortmund dieses und Bayern jenes macht?
Nein.
Nicht heute.
Heute gibt es eine sehr einfache mathematische Gleichung:
Vier Tore + Heimsieg = schönes Wochenende.
Mehr Mathematik braucht der Fußball manchmal nicht.
Die anderen dürfen Tabellen studieren, Statistiken auswerten und irgendwelche komplizierten Szenarien durchspielen.
Wir schauen einfach noch einmal aufs Ergebnis:
VfB Stuttgart – 1. FC Köln 4:1.
Passt.
Und in Liga zwei? Offenbar war 2:2 im Sonderangebot
Während der VfB oben vier Tore einschenkte, scheint man sich in der 2. Bundesliga auf ein anderes Ergebnis geeinigt zu haben.
Hannover 96 gegen Karlsruher SC: 2:2.
Und weil einmal offenbar nicht reicht:
Arminia Bielefeld gegen FC St. Pauli: ebenfalls 2:2.
Vielleicht gab es am Freitagabend irgendwo eine geheime Anweisung: Wer zweite Liga spielt, hört bei zwei Toren auf.
Soll uns recht sein.
Wir hatten schließlich die Vier.
Das Gefährlichste beginnt jetzt: VfB-Euphorie
Nun kennen wir VfB-Fans allerdings unseren größten natürlichen Feind.
Nicht Bayern.
Nicht Dortmund.
Nicht irgendein Schiedsrichter.
Sondern:
die eigene Euphorie.
Ein überzeugendes 4:1 – und schon beginnt es im Kopf.
Wenn wir so weiterspielen …
Wenn die anderen Punkte liegen lassen …
Wenn wir jetzt noch auswärts …
STOPP!
Genau an dieser Stelle muss der erfahrene VfB-Anhänger einschreiten.
Nicht rechnen.
Nicht träumen.
Nicht schon nach irgendwelchen Terminen im Mai schauen.
Einfach genießen.
Wir haben Köln 4:1 geschlagen.
Das reicht für heute vollkommen.
Man darf auch einfach mal glücklich sein
Fußballfans sind merkwürdige Menschen.
Gewinnt die eigene Mannschaft knapp, beschwert man sich über die Chancenverwertung.
Gewinnt sie deutlich, fragt man, warum das nicht jede Woche funktioniert.
Gewinnt sie mehrfach deutlich, bekommt man Angst, dass jetzt bestimmt irgendetwas schiefgeht.
Aber vielleicht sollten wir diesmal etwas Revolutionäres ausprobieren:
Einfach zufrieden sein.
Der VfB hat sein Heimspiel souverän gewonnen. Vier Tore gemacht. Drei Punkte geholt.
Mehr war an diesem Abend nicht zu erledigen.
Danke, VfB – genau so darf ein Wochenende anfangen
Also lehnen wir uns zurück, genießen den Moment und schauen entspannt dabei zu, was der Rest der Bundesliga macht.
Sollen die anderen doch rechnen.
Sollen sie über Druck reden.
Sollen sie Tabellenkonstellationen diskutieren.
Wir haben unseren Job für dieses Wochenende erledigt.
Und sollte morgen jemand fragen, wie der VfB gespielt hat, braucht es keine taktische Abhandlung und keine zehn Minuten Analyse.
Ein leichtes Grinsen genügt.
Dann sagt man:
„Vier zu eins.“
Kurze Pause.
Und anschließend, selbstverständlich in angemessener schwäbischer Zurückhaltung:
„War ganz ordentlich.“
Brustring bleibt Brustring.
Und jetzt bitte genau so weitermachen – wobei wir diesen Satz als erfahrene VfB-Fans natürlich sofort wieder bereuen werden.