Dark Mode Light Mode

Tag der sexuellen Gesundheit: Warum Geschlechtskrankheiten noch immer ein Tabu sind – und Schweigen zum Risiko werden kann

Maria_Domnina (CC0), Pixabay

Am 4. September 2026 wurde weltweit der Tag der sexuellen Gesundheit (World Sexual Health Day) begangen. Der jährlich am 4. September stattfindende Aktionstag soll das Bewusstsein dafür stärken, dass sexuelle Gesundheit ein wichtiger Bestandteil der allgemeinen Gesundheit und des persönlichen Wohlbefindens ist.

Doch ausgerechnet bei einem zentralen Bereich sexueller Gesundheit bestehen weiterhin erhebliche Berührungsängste: bei sexuell übertragbaren Infektionen.

Über Sex wird heute scheinbar überall gesprochen. Über Chlamydien, Gonorrhö, Syphilis, HIV oder Genitalherpes dagegen erstaunlich selten. Für viele Menschen sind diese Erkrankungen noch immer mit Scham, Unsicherheit und der Angst verbunden, von anderen verurteilt zu werden.

Der Tag der sexuellen Gesundheit erinnert deshalb an eine wichtige Botschaft: Sexuelle Gesundheit gehört zur allgemeinen Gesundheit – und eine Infektion ist kein moralisches Urteil über einen Menschen.

Gerade das Tabu kann jedoch zum gesundheitlichen Problem werden. Wer aus Scham Beschwerden verschweigt, einen Test vermeidet oder mit Sexualpartnerinnen und Sexualpartnern nicht über ein mögliches Infektionsrisiko spricht, riskiert, dass eine Infektion unentdeckt bleibt und möglicherweise weitergegeben wird.

Das Tückische: Eine Infektion muss man nicht bemerken

Eine der größten Schwierigkeiten bei sexuell übertragbaren Infektionen, häufig als STI – Sexually Transmitted Infections bezeichnet, besteht darin, dass sie nicht zwangsläufig sofort Beschwerden verursachen.

Ein Mensch kann sich also vollkommen gesund fühlen und trotzdem eine Infektion haben.

Das gilt beispielsweise für Chlamydien. Eine Infektion kann über längere Zeit unbemerkt bleiben. Auch bei anderen STI können Beschwerden fehlen oder so unspezifisch sein, dass Betroffene zunächst nicht an eine sexuell übertragbare Infektion denken.

Genau deshalb kann es nach bestimmten Risikokontakten sinnvoll sein, sich medizinisch beraten und gegebenenfalls testen zu lassen.

Diese Beschwerden sollte man ernst nehmen

Wenn Symptome auftreten, können sie je nach Infektion sehr unterschiedlich aussehen.

Mögliche Hinweise sind beispielsweise ungewöhnlicher Ausfluss, Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen, Juckreiz, Hautveränderungen, Bläschen oder Geschwüre im Genitalbereich sowie Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.

Auch Beschwerden an anderen Körperstellen können je nach Sexualpraktik und Infektion eine Rolle spielen.

Wichtig ist allerdings: Keines dieser Symptome beweist für sich allein das Vorliegen einer Geschlechtskrankheit.

Hinter den Beschwerden können zahlreiche andere Ursachen stecken. Eine verlässliche Diagnose gehört deshalb in ärztliche Hände.

Die Angst vor dem Arztbesuch

Das eigentliche Problem beginnt für manche Betroffene schon vor der Untersuchung.

Mit Rückenschmerzen, einer Erkältung oder einem verstauchten Fuß zum Arzt zu gehen, ist gesellschaftlich vollkommen selbstverständlich. Bei Beschwerden im Intimbereich sieht es häufig anders aus.

Was wird der Arzt denken?

Muss ich über mein Sexualleben sprechen?

Was passiert, wenn tatsächlich eine Infektion festgestellt wird?

Erfährt jemand davon?

Solche Gedanken können dazu führen, dass ein notwendiger Arztbesuch hinausgezögert wird.

Dabei gehören Fragen zur sexuellen Gesundheit für Ärztinnen und Ärzte zum medizinischen Alltag. Wer sich untersuchen lässt, muss sich weder rechtfertigen noch für sein Sexualleben entschuldigen.

Eine Geschlechtskrankheit sagt nichts über den Charakter aus

Hartnäckig hält sich zudem die Vorstellung, sexuell übertragbare Infektionen beträfen hauptsächlich Menschen mit besonders vielen Sexualpartnern oder seien automatisch das Ergebnis „unverantwortlichen“ Verhaltens.

Eine solche moralische Bewertung hilft medizinisch nicht weiter.

Grundsätzlich kann sich jeder sexuell aktive Mensch mit einer STI infizieren. Das individuelle Risiko hängt von zahlreichen Faktoren ab – etwa von der jeweiligen Infektion, den Sexualpraktiken, Schutzmaßnahmen und möglichen Infektionen von Partnerinnen oder Partnern.

Eine Infektion ist deshalb keine Charakterfrage.

Stigmatisierung kann sogar kontraproduktiv sein: Wer Angst hat, gesellschaftlich verurteilt zu werden, spricht möglicherweise nicht über eine Infektion und lässt sich womöglich auch nicht testen.

Kondome sind wichtig – bieten aber keinen absoluten Schutz

Kondome gehören zu den wichtigsten Möglichkeiten, das Risiko zahlreicher sexuell übertragbarer Infektionen zu reduzieren.

Einen hundertprozentigen Schutz vor sämtlichen STI können sie allerdings nicht gewährleisten.

Manche Erreger können beispielsweise auch über Haut- oder Schleimhautkontakt in Bereichen übertragen werden, die von einem Kondom nicht bedeckt sind.

Je nach persönlicher Situation können deshalb neben Kondomen weitere Präventionsmaßnahmen sinnvoll sein.

Dazu gehören unter anderem Impfungen gegen bestimmte Infektionen, medizinische Tests und bei HIV auch medikamentöse Präventionsmöglichkeiten wie die PrEP.

Welche Vorsorge im individuellen Fall sinnvoll ist, sollte gegebenenfalls mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer spezialisierten Beratungsstelle geklärt werden.

Nach einem Risikokontakt: Nicht verdrängen, sondern beraten lassen

Wer befürchtet, sich möglicherweise angesteckt zu haben, sollte weder in Panik geraten noch den Gedanken einfach verdrängen.

Sinnvoller ist eine medizinische Einschätzung.

Dabei spielt auch der richtige Zeitpunkt eines Tests eine wichtige Rolle. Nicht jede Infektion lässt sich unmittelbar nach einem möglichen Ansteckungsereignis zuverlässig nachweisen.

Deshalb sollte man nicht allein nach Gefühl entscheiden, wann ein Test „sicher“ ist.

Welche Untersuchung notwendig ist und zu welchem Zeitpunkt sie aussagekräftig wird, hängt von der jeweiligen Infektion und der konkreten Situation ab.

Auch in festen Beziehungen ist sexuelle Gesundheit ein Thema

Gespräche über STI und Tests sind keineswegs nur für Singles oder Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern relevant.

Auch innerhalb einer Partnerschaft kann es sinnvoll sein, offen über sexuelle Gesundheit, frühere Tests und Schutzmaßnahmen zu sprechen.

Das muss nichts mit Misstrauen zu tun haben.

Die Frage „Wann hast du dich zuletzt testen lassen?“ könnte genauso selbstverständlich werden wie ein Gespräch über Verhütung.

Je weniger tabuisiert solche Fragen sind, desto leichter fällt es beiden Seiten, offen mit dem Thema umzugehen.

Was passiert, wenn tatsächlich eine STI festgestellt wird?

Eine positive Diagnose ist für viele Menschen zunächst ein Schock.

Doch eine sexuell übertragbare Infektion bedeutet nicht automatisch eine schwere oder dauerhaft bestehende Erkrankung.

Mehrere STI können gut behandelt werden. Bestimmte bakterielle Infektionen lassen sich mit einer geeigneten Therapie heilen.

Andere Infektionen können dauerhaft im Körper verbleiben, sind medizinisch heute aber teilweise sehr gut kontrollierbar.

Entscheidend ist, dass eine Infektion erkannt und fachgerecht behandelt wird.

HIV zeigt, wie stark sich die Medizin verändert hat

Besonders deutlich wird der medizinische Fortschritt am Beispiel HIV.

Eine HIV-Diagnose bedeutete in den frühen Jahrzehnten der Epidemie etwas völlig anderes als heute. Moderne Medikamente können die Vermehrung des Virus sehr wirksam unterdrücken.

Menschen mit HIV können unter erfolgreicher Behandlung heute in vielen Fällen ein langes Leben führen.

Ein besonders wichtiger Fortschritt betrifft zudem die Übertragung: Ist die Viruslast durch eine wirksame Therapie dauerhaft unter die Nachweisgrenze gesenkt, wird HIV beim Sex nicht übertragen.

Trotz dieser medizinischen Entwicklung erleben Menschen mit HIV noch immer Vorurteile und Stigmatisierung.

Auch deshalb bleibt Aufklärung wichtig.

Partnerinnen und Partner informieren

Wird eine sexuell übertragbare Infektion festgestellt, kann es notwendig sein, aktuelle oder frühere Sexualpartner darüber zu informieren.

Das gehört für viele Betroffene zu den schwierigsten Momenten.

Wie spricht man das Thema an?

Wird der andere wütend?

Entsteht automatisch der Verdacht auf Untreue?

Gerade hier hilft ein sachlicher Umgang.

Die Information über eine mögliche Ansteckung ermöglicht es anderen Personen, sich beraten, testen und gegebenenfalls behandeln zu lassen.

Wer Schwierigkeiten damit hat, ein solches Gespräch zu führen, kann sich professionelle Unterstützung suchen.

Das Internet ersetzt keine Diagnose

Ein weiteres Problem unserer Zeit ist die schnelle Selbstdiagnose im Internet.

Ein Symptom wird in eine Suchmaschine eingegeben – und wenige Minuten später steht für den Betroffenen vermeintlich fest, welche Erkrankung dahintersteckt.

Gerade bei Beschwerden im Intimbereich kann das unnötige Ängste auslösen.

Viele Symptome sind nicht eindeutig. Hautveränderungen, Juckreiz oder Schmerzen können ganz unterschiedliche Ursachen haben.

Informationen aus dem Internet können dabei helfen, sich grundsätzlich zu orientieren. Eine ärztliche Untersuchung und einen geeigneten Labortest ersetzen sie jedoch nicht.

Vorsicht vor vermeintlichen Wundermitteln

Aus Scham versuchen manche Betroffene möglicherweise, Beschwerden selbst zu behandeln.

Das kann problematisch sein.

Wer eine mögliche STI vermutet, sollte nicht auf dubiose Präparate, angebliche Geheimtipps aus sozialen Netzwerken oder vermeintliche Wundermittel aus dem Internet vertrauen.

Eine falsche Selbstbehandlung kann eine notwendige Diagnose verzögern.

Hinzu kommt: Nicht jede sexuell übertragbare Infektion wird gleich behandelt. Die richtige Therapie hängt vom jeweiligen Erreger und der individuellen medizinischen Situation ab.

Testen ist kein Schuldeingeständnis

Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft rund um den Tag der sexuellen Gesundheit:

Wer sich testen lässt, hat keinen Grund, sich zu schämen.

Im Gegenteil.

Ein Test kann ein Ausdruck von Verantwortung gegenüber der eigenen Gesundheit und gegenüber anderen Menschen sein.

Niemand würde einem Menschen vorwerfen, seinen Blutdruck kontrollieren oder eine Vorsorgeuntersuchung durchführen zu lassen.

Langfristig sollte ein ähnlich selbstverständlicher Umgang auch bei der sexuellen Gesundheit erreicht werden.

Eltern sollten mit Jugendlichen sprechen – ohne Moralpredigt

Eine besondere Rolle spielt Aufklärung bei jungen Menschen.

Dabei reicht es nicht, ausschließlich über Schwangerschaftsverhütung zu sprechen. Jugendliche sollten auch wissen, dass sexuell übertragbare Infektionen existieren, wie Risiken reduziert werden können und an wen sie sich bei Fragen wenden können.

Entscheidend ist die Art des Gesprächs.

Wer sexuelle Gesundheit ausschließlich mit Angst, Schuld und Verboten verbindet, riskiert, dass Jugendliche bei einem tatsächlichen Problem gerade nicht mit Eltern oder anderen Vertrauenspersonen sprechen.

Sachliche Informationen sind deshalb wichtiger als Moralpredigten.

Sexuelle Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krankheiten

Der Aktionstag hat zugleich einen wesentlich größeren Anspruch.

Sexuelle Gesundheit lässt sich nicht allein darauf reduzieren, keine Geschlechtskrankheit zu haben.

Dazu gehören ebenso ein selbstbestimmter und respektvoller Umgang mit Sexualität, der Zugang zu verlässlichen Informationen und medizinischer Versorgung sowie die Möglichkeit, über Fragen und Probleme sprechen zu können, ohne diskriminiert oder beschämt zu werden.

Gerade deshalb ist die gesellschaftliche Enttabuisierung so wichtig.

Der 4. September sollte mehr sein als ein Aktionstag

Der Tag der sexuellen Gesundheit am 4. September kann Aufmerksamkeit schaffen.

Doch sexuelle Gesundheit betrifft Menschen an jedem Tag des Jahres.

Aufklärung, Prävention, medizinische Beratung und ein respektvoller Umgang mit Betroffenen dürfen deshalb nicht nach einem Aktionstag wieder aus der öffentlichen Diskussion verschwinden.

Denn bei sexuell übertragbaren Infektionen kann Schweigen ein echtes Gesundheitsrisiko darstellen.

Wer aus Angst vor einem unangenehmen Gespräch keinen Test macht, wer Symptome aus Scham ignoriert oder eine mögliche Infektion gegenüber einem Sexualpartner verschweigt, hilft weder sich selbst noch anderen.

Die wichtigste Botschaft des Tages lautet deshalb:

Über sexuelle Gesundheit zu sprechen, sollte genauso normal sein wie über jede andere Form von Gesundheit.

Chlamydien, Syphilis, Gonorrhö, HIV oder Herpes sind keine moralischen Urteile.

Es sind medizinische Themen.

Und je selbstverständlicher darüber gesprochen wird, desto leichter wird es für Menschen, sich zu informieren, schützen, testen und – wenn notwendig – behandeln zu lassen.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

EU nimmt Airbnb & Co. ins Visier: Neue Regeln sollen Kurzzeitvermietungen in angespannten Städten begrenzen

Next Post

Irische Zentralbank warnt vor Personal Financing: Kreditangebote ohne Zulassung