Dark Mode Light Mode

Deutsche Firmen sollen beim Wiederaufbau Syriens mitmischen – Bundesregierung öffnet in Damaskus die Tür für neue Geschäfte

652234 (CC0), Pixabay

Nach Jahren von Krieg, Zerstörung, Sanktionen und weitgehender wirtschaftlicher Isolation richtet sich der Blick deutscher Unternehmen zunehmend auf den Wiederaufbau Syriens. Die Bundesregierung sieht nach eigenen Angaben großes Interesse aus der deutschen Wirtschaft und versucht nun, Unternehmen den Zugang zum syrischen Markt zu erleichtern. Entwicklungsstaatssekretär Niels Annen reist dazu gemeinsam mit Unternehmensvertretern nach Syrien und will in Damaskus neue Kontakte zwischen deutscher Wirtschaft und syrischen Partnern ermöglichen.

Annen bringt die neue Strategie auf eine kurze Formel: „Deutsche Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit gehen Hand in Hand.“

Damit wird deutlich, dass Deutschland beim Wiederaufbau Syriens nicht allein auf klassische Entwicklungshilfe setzen will. Private Unternehmen sollen ebenfalls eine Rolle spielen – und könnten von dem gewaltigen Bedarf an Infrastruktur, Technik, Energieversorgung und anderen Investitionen profitieren.

Deutsches Haus in Damaskus soll zum neuen Treffpunkt werden

Ein sichtbares Zeichen dafür ist die Eröffnung des Deutschen Hauses in Damaskus während Annens Besuch.

Nach den vorliegenden Angaben soll es als Ort des Dialogs mit syrischen Partnern dienen. Damit entsteht eine Plattform, über die Kontakte geknüpft und möglicherweise spätere wirtschaftliche Kooperationen vorbereitet werden können.

Die Reise ist deshalb mehr als ein symbolischer Besuch.

Wenn ein Staatssekretär gemeinsam mit Unternehmensvertretern nach Syrien reist, signalisiert die Bundesregierung, dass wirtschaftliches Engagement deutscher Firmen zumindest wieder ernsthaft ausgelotet werden soll.

Von einer Rückkehr deutscher Unternehmen auf breiter Front kann allerdings noch keine Rede sein. Welche Unternehmen Annen begleiten, welche konkreten Projekte diskutiert werden und welches Investitionsvolumen daraus entstehen könnte, geht aus den bislang vorliegenden Angaben nicht hervor.

Deutschland ist bereits auf der Messe in Damaskus präsent

Dass das wirtschaftliche Interesse konkreter wird, zeigt auch die derzeit laufende Damascus International Fair. Die internationale Messe findet vom 26. August bis 4. September 2026 statt. Deutschland ist dort mit einer vom Bundeswirtschaftsministerium getragenen Firmengemeinschaftsausstellung vertreten.

Das Angebotsspektrum der Messe liest sich beinahe wie eine Einkaufsliste für den Wiederaufbau eines vom Krieg schwer beschädigten Landes: Baumaschinen, Werkzeugmaschinen, Pumpen, Rohre, Generatoren, Landwirtschaftsmaschinen, Elektrogeräte und weitere Investitions- und Konsumgüter werden präsentiert.

Damit werden gerade jene Branchen angesprochen, die bei einem großflächigen Wiederaufbau benötigt werden könnten.

Beim Wiederaufbau geht es um gewaltige Summen

Die wirtschaftliche Dimension ist enorm. Nach einer aktuellen Darstellung unter Berufung auf Berechnungen der Weltbank werden die Kosten des Wiederaufbaus Syriens auf rund 216 Milliarden US-Dollar geschätzt. Gleichzeitig soll die syrische Wirtschaftsleistung seit 2010 um mehr als die Hälfte eingebrochen sein.

Allein diese Größenordnung erklärt, warum internationale Unternehmen das Land wieder stärker beobachten.

Straßen, Wohnungen, Krankenhäuser, Energieversorgung, Industrieanlagen, Wasserversorgung und andere Infrastruktur müssen teilweise neu errichtet oder grundlegend modernisiert werden.

Für deutsche Unternehmen könnten sich daraus langfristig erhebliche Geschäftsmöglichkeiten ergeben.

Das bedeutet allerdings nicht, dass aus einem theoretischen Wiederaufbaubedarf automatisch profitable und sichere Aufträge entstehen.

Internationale Investoren stehen bereits in den Startlöchern

Deutschland ist bei diesen Überlegungen keineswegs allein.

Investoren aus anderen Staaten bereiten bereits milliardenschwere Vorhaben vor. Ein besonders spektakuläres Beispiel kommt aus den Vereinigten Arabischen Emiraten: Der Immobilienentwickler Arada kündigte Anfang September ein Projekt im Umfang von rund sieben Milliarden US-Dollar in Damaskus an. Geplant sind unter anderem rund 11.000 Wohnungen, Hotels, Schulen, ein Krankenhaus und umfangreiche öffentliche Flächen.

Das Projekt soll über einen Zeitraum von rund zehn Jahren entwickelt werden.

Auch andere Investoren aus den Golfstaaten prüfen Milliardenprojekte.

Für deutsche Unternehmen entsteht damit möglicherweise auch Zeitdruck. Wer beim Wiederaufbau erst einsteigt, wenn sämtliche politischen und wirtschaftlichen Risiken verschwunden sind, könnte feststellen, dass andere internationale Unternehmen wichtige Projekte längst unter sich aufgeteilt haben.

Umgekehrt wäre ein übereilter Einstieg riskant.

Syrien bleibt ein schwieriger Wirtschaftsstandort

Denn zwischen einem politischen Besuch und einem tatsächlich funktionierenden Investitionsstandort liegt ein erheblicher Unterschied.

Unternehmen müssen unter anderem klären, wie verlässlich Verträge durchgesetzt werden können, wie Zahlungen abgewickelt werden, welche politischen Risiken bestehen und welche rechtlichen Vorgaben für konkrete Projekte gelten.

Hinzu kommt die Frage der Finanzierung.

Ein deutscher Maschinenbauer kann zwar großes Interesse an einem Wiederaufbauprojekt haben. Entscheidend bleibt jedoch, wer die Maschinen bezahlt, wie die Finanzierung abgesichert wird und welches Risiko der Lieferant übernimmt.

Gerade bei großen Infrastrukturprojekten können Exportfinanzierung, Garantien und politische Risikoabsicherung entscheidend dafür sein, ob aus Gesprächen tatsächlich Aufträge werden.

Entwicklungshilfe soll offenbar zum Türöffner werden

Interessant ist deshalb Annens Aussage, Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit sollten „Hand in Hand“ gehen.

Dahinter steckt ein Ansatz, der über klassische Entwicklungspolitik hinausgeht.

Entwicklungszusammenarbeit kann beispielsweise institutionelle Strukturen unterstützen und Kontakte herstellen. Unternehmen wiederum verfügen über Technik, Kapital und Know-how, die für den Wiederaufbau benötigt werden.

Damit könnte sich eine Arbeitsteilung entwickeln: Der Staat schafft beziehungsweise erleichtert Rahmenbedingungen und Kontakte, während private Unternehmen konkrete wirtschaftliche Projekte übernehmen.

Allerdings müssen dabei zwei Interessen sauber auseinandergehalten werden.

Entwicklungszusammenarbeit verfolgt öffentliche und entwicklungspolitische Ziele. Unternehmen verfolgen legitimerweise wirtschaftliche Interessen.

Beides kann sich ergänzen – ist aber nicht automatisch dasselbe.

Aus Wiederaufbauhilfe könnte ein neuer Markt entstehen

Genau darin liegt die wirtschaftspolitische Bedeutung der Reise.

Deutschland signalisiert: Beim Wiederaufbau Syriens möchte man offenbar nicht ausschließlich Geldgeber sein. Deutsche Unternehmen sollen ebenfalls die Möglichkeit erhalten, sich wirtschaftlich zu beteiligen.

Die Eröffnung des Deutschen Hauses in Damaskus könnte dafür zu einem institutionellen Anlaufpunkt werden. Parallel präsentiert sich die deutsche Wirtschaft auf der internationalen Messe in der syrischen Hauptstadt.

Noch ist allerdings offen, wie viele konkrete Aufträge daraus entstehen.

Das „große Interesse“ deutscher Unternehmen ist zunächst eine Aussage der Bundesregierung – noch kein Nachweis für Milliardeninvestitionen deutscher Firmen in Syrien.

Genau diese Unterscheidung ist wichtig.

Jetzt beginnt erst der schwierige Teil

Die politische Tür nach Syrien öffnet sich wirtschaftlich wieder ein Stück weiter. Doch ob Unternehmen tatsächlich hindurchgehen, dürfte davon abhängen, ob sich Investitionen kalkulieren und Risiken begrenzen lassen.

Der Wiederaufbaubedarf ist gigantisch. Internationale Investoren positionieren sich bereits. Deutschland schickt nun Unternehmensvertreter nach Syrien, beteiligt sich an der Messe in Damaskus und eröffnet einen eigenen Ort für wirtschaftlichen und politischen Austausch.

Damit verändert sich die deutsche Perspektive auf Syrien sichtbar: Aus einem Land, das jahrelang vor allem mit Krieg, Flucht und humanitärer Hilfe verbunden wurde, wird zunehmend auch ein möglicher Wiederaufbaumarkt.

Für die Bundesregierung lautet die Formel „Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit Hand in Hand“. Für deutsche Firmen wird die Rechnung komplizierter sein: Wie groß sind die Chancen – wer finanziert die Projekte, wie sicher sind Verträge und Zahlungen und welches Risiko ist ein Unternehmen bereit einzugehen?

Erst wenn darauf belastbare Antworten existieren, wird sich zeigen, ob aus den neuen Kontakten in Damaskus tatsächlich deutsche Investitionen und Aufträge werden – oder ob das große Interesse zunächst vor allem eines bleibt: Interesse.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

Autohaus König GmbH in vorläufiger Insolvenz – Gläubigerausschuss mit Renault und Stellantis Bank eingesetzt

Next Post

Windpark Achim: Eigenkapital steigt um 42 Prozent, Schulden halbieren sich fast – doch 1,2 Millionen Euro stecken bei den Gesellschaftern