Die europäische Zuckerindustrie steht erheblich unter Druck. Sinkender Zuckerkonsum, Überkapazitäten, niedrige Preise und hohe Produktionskosten setzen den Herstellern zu. Nun zieht der deutsche Zuckerproduzent Nordzucker weitere Konsequenzen: Die Zuckerproduktion im dänischen Nakskov soll nach Abschluss der kommenden Rübenkampagne eingestellt werden.
Damit endet Anfang 2027 eine mehr als 140-jährige Industriegeschichte. Die Zuckerfabrik in Nakskov wurde 1882 gegründet und gehörte einst zu den größten Zuckerfabriken Nordeuropas. Rund 150 Arbeitsplätze sind von der Entscheidung betroffen.
Produktion endet nach der letzten Rübenkampagne
Die Anlagen sollen Anfang 2027 stillgelegt werden, nachdem die letzten Zuckerrüben der Erntesaison verarbeitet worden sind.
Vollständig verschwinden soll der Standort allerdings nicht. Nach Einstellung der eigentlichen Zuckerproduktion soll in Nakskov weiterhin Zucker abgepackt werden.
Für die strukturschwächere dänische Insel Lolland bedeutet die Entscheidung dennoch einen erheblichen Einschnitt. Rund 150 Stellen werden durch die Einstellung der Produktion nicht mehr benötigt.
Nordzucker begründet den Schritt mit „anhaltenden strukturellen Überkapazitäten in der europäischen Zuckerindustrie“. Die Einstellung der Produktion sei eine Maßnahme, mit der die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns gesichert und das europäische Produktionsnetz effizienter gestaltet werden solle.
Nordzucker schreibt operativ tiefrote Zahlen
Wie angespannt die Situation ist, zeigen die Geschäftszahlen des Konzerns.
Im Geschäftsjahr 2025/26 verbuchte Nordzucker dem Bericht zufolge ein operatives Ergebnis vor Zinsen und Steuern von minus 226 Millionen Euro. Im vorherigen Geschäftsjahr hatte das Unternehmen noch einen operativen Gewinn von 100,5 Millionen Euro erzielt.
Damit hat sich das operative Ergebnis innerhalb eines Jahres um mehr als 326 Millionen Euro verschlechtert.
Ein wesentlicher Grund dafür ist ausgerechnet ein eigentlich erfreulicher Umstand: Zwei gute Ernten hintereinander haben das Zuckerangebot erhöht und damit erheblichen Druck auf die Preise ausgeübt.
Eine Tonne Weißzucker kostete 2024 dem Bericht zufolge noch rund 619 Euro. Mittlerweile seien es nur noch etwa 513 Euro. Das entspricht einem Rückgang von mehr als 17 Prozent.
Für die Produzenten bedeutet das: Sie müssen ihre hohen Kosten mit deutlich geringeren Verkaufserlösen finanzieren.
Zuckerherstellung benötigt große Mengen Energie
Hinzu kommt, dass die Zuckerproduktion ausgesprochen energieintensiv ist. Während der sogenannten Rübenkampagne müssen enorme Mengen Zuckerrüben verarbeitet, gereinigt, zerkleinert und weiterverarbeitet werden. Die Gewinnung und Kristallisation des Zuckers erfordert erhebliche Mengen Wärme und Energie.
Sinken gleichzeitig die Verkaufspreise, geraten Standorte mit hohen Produktionskosten besonders schnell unter wirtschaftlichen Druck.
Parallel verändert sich die Nachfrage. In zahlreichen Ländern geht der Zuckerkonsum zurück. Gesundheitspolitische Diskussionen über einen geringeren Zuckerverbrauch und mögliche Zuckersteuern erhöhen zusätzlich den Veränderungsdruck auf die Branche.
Nicht die erste Werksschließung bei Nordzucker
Die Schließung in Nakskov kommt nicht völlig überraschend. Nordzucker hatte bereits im Frühjahr 2026 Konsequenzen aus der schwierigen Marktsituation gezogen.
Das Unternehmen stellte dem Bericht zufolge die Produktion in der Slowakei ein. In Finnland wurde zudem die Raffination von Zucker beendet.
Mit Nakskov folgt nun ein weiterer traditionsreicher Produktionsstandort.
Besonders bemerkenswert ist die Dimension des Einschnitts: Bei dem dänischen Werk handelt es sich nicht um eine erst vor wenigen Jahren errichtete Fabrik, sondern um einen Standort, dessen Geschichte bis 1882 zurückreicht.
Nordzucker sucht neue Wachstumsfelder
Der Konzern reagiert nicht ausschließlich mit Einsparungen und Standortschließungen. Gleichzeitig soll das Geschäft breiter aufgestellt werden.
Wachstumsmöglichkeiten sieht Nordzucker unter anderem beim Rohrzucker. Darüber hinaus will das Unternehmen stärker auf alternative Proteine sowie funktionale Zutaten für die Lebensmittelindustrie setzen. Diese Geschäftsfelder werden unter anderem unter dem Begriff „Smart Ingredients“ zusammengefasst.
Damit versucht der Zuckerproduzent, seine Abhängigkeit vom klassischen europäischen Rübenzuckergeschäft zu verringern.
Aus für Nakskov steht für tiefgreifenden Wandel der Branche
Die Entscheidung über Nakskov zeigt, wie grundlegend sich die Rahmenbedingungen für die europäische Zuckerindustrie verändert haben. Gute Ernten allein sind für die Hersteller längst keine Garantie für gute Geschäfte. Ein großes Angebot kann im Gegenteil die Preise so stark unter Druck setzen, dass die Wirtschaftlichkeit einzelner Werke gefährdet wird.
Für Nordzucker bedeutet dies eine weitere Verkleinerung seines klassischen Produktionsnetzes. Für die Beschäftigten und die Region Lolland wiegt die Entscheidung noch schwerer: Nach rund 145 Jahren endet in Nakskov Anfang 2027 die industrielle Zuckerproduktion – und rund 150 Arbeitsplätze fallen weg.