Auf den ersten Blick wirkt das Unternehmen solide aufgestellt. Das Sachanlagevermögen – im Wesentlichen die Windenergieanlagen – beläuft sich weiterhin auf 9,22 Millionen Euro. Wie bei Windparks üblich, verringerte sich dieser Wert gegenüber dem Vorjahr durch planmäßige Abschreibungen.
Die Bilanzsumme sank leicht von 15,06 Millionen Euro auf 14,20 Millionen Euro, was angesichts der laufenden Abschreibungen nicht ungewöhnlich ist.
Bilanzielle Überschuldung nimmt zu
Aus Sicht von Investoren fällt jedoch eine Position besonders ins Auge.
Der nicht durch Vermögenseinlagen gedeckte Verlustanteil der Kommanditisten stieg innerhalb eines Jahres von 2,45 Millionen Euro auf über 3,05 Millionen Euro.
Damit weist die Gesellschaft bilanziell weiterhin kein Eigenkapital aus. Das Eigenkapital beträgt zum Bilanzstichtag 0 Euro.
Für Anleger klingt dies zunächst alarmierend.
Allerdings handelt es sich bei vielen Windparkgesellschaften um ein bekanntes Bilanzierungsphänomen. Verluste und Abschreibungen werden den Kapitalkonten der Kommanditisten zugerechnet, ohne dass daraus automatisch eine wirtschaftliche Krise entsteht.
Geschäftsführung sieht keine Insolvenzgefahr
Positiv ist, dass die Geschäftsführung ausdrücklich darauf hinweist, dass kein Insolvenzantragsgrund nach § 19 Insolvenzordnung vorliegt.
Zur Begründung verweist sie auf die überwiegend wahrscheinliche Fortführung des Unternehmens.
Zusätzlich hat eine Kommanditistin für Forderungen in Höhe von rund 2,1 Millionen Euro einen Rangrücktritt erklärt. Dadurch verbessert sich die Überschuldungssituation aus insolvenzrechtlicher Sicht erheblich.
Für Investoren ist dies ein wichtiger Stabilitätsfaktor.
Hohe Verschuldung bleibt größte Herausforderung
Dennoch bleibt die Finanzierung anspruchsvoll.
Die Gesellschaft weist weiterhin Verbindlichkeiten von rund 13,6 Millionen Euro aus.
Davon entfallen allein 13,37 Millionen Euro auf Verbindlichkeiten gegenüber den Kommanditisten beziehungsweise langfristige Finanzierungen.
Positiv ist allerdings, dass ein Großteil dieser Darlehen langfristig läuft. Fast acht Millionen Euro werden erst nach mehr als fünf Jahren fällig.
Kurzfristiger Refinanzierungsdruck besteht damit derzeit nicht.
Liquidität bleibt solide
Die verfügbaren Bankguthaben belaufen sich auf rund 912.000 Euro.
Damit verfügt die Gesellschaft weiterhin über eine ordentliche Liquiditätsreserve für den laufenden Betrieb.
Auch Forderungen von rund 572.000 Euro ergänzen die kurzfristig verfügbaren Vermögenswerte.
Rückstellungen sinken deutlich
Die Rückstellungen gingen von rund 569.000 Euro auf 375.000 Euro zurück.
Dies kann auf erledigte Verpflichtungen oder geringere zukünftige Risiken hindeuten. Ohne weitere Erläuterungen lässt sich die Ursache allerdings nicht abschließend beurteilen.
Langfristige Verpflichtungen nicht unterschätzen
Neben den bilanzierten Schulden bestehen weitere finanzielle Verpflichtungen.
Aus Dienstleistungs-, Pacht- und sonstigen Verträgen ergeben sich Verpflichtungen von insgesamt rund 4,1 Millionen Euro, verteilt über mehrere Jahre.
Gerade bei Windparks gehören langfristige Wartungs- und Pachtverträge zwar zum Geschäftsmodell, sie schränken den finanziellen Spielraum jedoch dauerhaft ein.
Keine Mitarbeiter – typisches Betreibermodell
Wie bei vielen Projektgesellschaften beschäftigt auch die Onshore Wind Bernitt GmbH & Co. KG keine eigenen Arbeitnehmer.
Technische Betriebsführung, Wartung und Verwaltung werden über externe Dienstleister beziehungsweise die Konzernstruktur organisiert.
Dieses Modell ist in der Windenergiebranche üblich und stellt für sich genommen keinen Nachteil dar.
Anleger sollten den Abschluss differenziert betrachten
Die Bilanz zeigt zwei Seiten.
Auf der positiven Seite stehen:
- werthaltige Windenergieanlagen,
- langfristig strukturierte Finanzierung,
- solide Liquidität,
- Rangrücktritt eines Gesellschafters,
- sowie die ausdrücklich bestätigte Fortführungsprognose.
Demgegenüber stehen jedoch:
- fehlendes bilanzielles Eigenkapital,
- steigende Verlustanteile der Kommanditisten,
- eine sehr hohe Gesamtverschuldung,
- sowie langfristige vertragliche Verpflichtungen.
Fazit
Der Jahresabschluss der Onshore Wind Bernitt GmbH & Co. KG ist kein Alarmzeichen, aber auch kein Selbstläufer.
Die Gesellschaft verfügt über einen werthaltigen Anlagenbestand und arbeitet auf Basis langfristiger Finanzierungsstrukturen. Gleichzeitig bleibt die bilanzielle Überschuldung ein zentraler Risikofaktor, der sich 2024 sogar weiter erhöht hat.
Für Anleger bedeutet das: Die wirtschaftliche Tragfähigkeit hängt entscheidend davon ab, dass der Windpark dauerhaft stabile Stromerträge erzielt und die langfristigen Finanzierungsverpflichtungen zuverlässig bedienen kann. Solange diese Voraussetzungen erfüllt sind und die Fortführungsprognose Bestand hat, erscheint das Geschäftsmodell tragfähig. Die Bilanz zeigt jedoch, dass für Investoren wenig Spielraum für größere wirtschaftliche Rückschläge besteht.