Die Debatte um den Umgang mit dem Wolf spitzt sich in Niedersachsen weiter zu. Mit einem neuen Jagdgesetz will die schwarz-rote Bundesregierung Abschüsse von Wölfen künftig deutlich erleichtern. Ziel ist es, Nutztierrisse zu reduzieren und Regionen mit hohen Wolfsbeständen mehr Handlungsspielraum zu geben. Doch ob Niedersachsen diesen Spielraum tatsächlich ausschöpfen wird, ist hoch umstritten – sowohl innerhalb der Landesregierung als auch zwischen Landwirten, Jägern und Naturschützern.
Eine Woche vor Weihnachten hatte das Bundeskabinett die Eckpunkte des neuen Gesetzes vorgestellt. Kern des Vorhabens: Der Wolf soll ins Jagdrecht aufgenommen werden. Damit könnten Bundesländer künftig aktiv in den Bestand eingreifen. Vorgesehen ist eine reguläre Jagdzeit vom 1. Juli bis 31. Oktober. Zusätzlich sollen Abschüsse auch außerhalb dieser Zeit erlaubt sein, wenn ein Wolf trotz funktionierendem Herdenschutz Nutztiere reißt – bis zu sechs Wochen lang und in einem Radius von 20 Kilometern um den Schadensort. Besonders brisant: In sensiblen Regionen wie Deichgebieten könnten sogenannte wolfsfreie Zonen eingerichtet werden, da sich Schafe dort nur schwer wirksam einzäunen lassen.
Landwirte drängen auf schnelles Handeln
Beim Landvolk Niedersachsen stößt der Gesetzentwurf auf große Zustimmung. Der Bauernverband fordert Tempo. Das Gesetz müsse möglichst früh im neuen Jahr verabschiedet werden, damit die Jagd bereits zum 1. Juli 2026 starten könne. Ziel sei es, einen weiteren Anstieg der Wolfspopulation zu verhindern. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Niedersachsen das Bundesgesetz in Landesrecht umsetzt – möglicherweise durch eine eigene Verordnung. Das Umweltministerium prüft derzeit die rechtlichen Details.
Streit innerhalb der Landesregierung
Doch genau hier beginnt der Konflikt. Innerhalb der rot-grünen Landesregierung gibt es deutlich unterschiedliche Bewertungen. Das grün geführte Umweltministerium äußert Skepsis und sieht viele offene Fragen. Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) hält den Entwurf für „nicht praxistauglich“. Sie spricht sich klar gegen präventive Abschüsse aus: Gejagt werden sollten ausschließlich sogenannte Problemwölfe, die tatsächlich Schäden verursachen.
Ganz anders klingt es aus der Staatskanzlei von Ministerpräsident Olaf Lies (SPD). Dort heißt es, man wolle die neuen Möglichkeiten „vollumfänglich nutzen“. Wie weit Niedersachsen dabei gehen wird, soll das laufende Gesetzgebungsverfahren zeigen. Beobachter sprechen bereits von einer möglichen Zerreißprobe für die Koalition.
Runder Tisch mit hohem Konfliktpotenzial
Zusätzlichen Zündstoff liefert das für Mitte Januar geplante „Dialogforum Wolf“. Dort treffen Vertreter von Landwirtschaft, Jägerschaft, Naturschutz und Landesregierung aufeinander. Für Niedersachsen nehmen allerdings ausschließlich das Agrar- und das Umweltministerium teil – beide unter grüner Führung. Sie verfolgen bislang einen klaren Kurs: Abschüsse nur bei nachgewiesenen Problemwölfen.
Das Landvolk fordert dagegen einen umfassenden Managementplan inklusive einer jährlich festgelegten maximalen Entnahmezahl, um das Wachstum des Wolfsbestandes zu begrenzen. Naturschutzverbände stehen diesen Forderungen entschieden entgegen.
Naturschützer warnen vor Gefährdung der Art
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisiert den Gesetzentwurf scharf. Nach Ansicht von Tonja Mannstedt vom BUND Niedersachsen gefährden regelmäßige Abschüsse den Fortbestand des Wolfes. „Durch jährliche Entnahmen könnte die Art lokal oder sogar großräumig ausgelöscht werden“, warnt sie. Niedersachsen habe mit der Konzentration auf Problemwölfe bislang einen ausgewogenen Weg eingeschlagen, der nicht aufgegeben werden dürfe.
Fazit
Die Rückkehr des Wolfs bleibt eines der emotionalsten Themen der Landespolitik. Das neue Bundesjagdrecht eröffnet Niedersachsen zwar weitreichende Möglichkeiten – doch ob daraus eine konsequente Bestandsregulierung oder lediglich der gezielte Abschuss einzelner Problemwölfe wird, ist offen. Klar ist: Der Streit um den Wolf wird im neuen Jahr an Schärfe gewinnen – politisch, gesellschaftlich und juristisch.