Die Diözese Innsbruck verzeichnet einen deutlichen Anstieg an Meldungen zu sexuellem Missbrauch, nachdem der Innsbrucker Priester Anno Schulte-Herbrüggen vergangene Woche erstmals öffentlich über seine eigenen Erfahrungen berichtet hatte. In einem Interview schilderte er, wie er während seiner Ausbildungszeit von einem Ordensbruder missbraucht wurde – ein Schritt, mit dem er anderen Betroffenen Mut machen wollte.
In den Tagen danach meldeten sich 15 weitere Opfer bei der unabhängigen Ombudsstelle der Diözese. Laut deren Leiterin Gertraud Walder reichen die neuen Hinweise zeitlich von Jahrzehnte zurückliegenden Fällen bis hin zu mutmaßlich aktuellen Vorfällen. Die Betroffenen werden nun über mögliche nächste Schritte, therapeutische Unterstützung und rechtliche Optionen informiert.
Gleichzeitig hätten sich zahlreiche Menschen gemeldet, um ihre Solidarität auszudrücken. Das zeige, so Walder, dass der Wunsch wachse, offen über Missbrauch zu sprechen und damit die Voraussetzungen zu schaffen, solche Taten künftig zu verhindern. Seit 2010 gilt in der katholischen Kirche Österreichs eine Rahmenordnung gegen Missbrauch, die Verfahren, Verantwortlichkeiten und Meldepflichten klar regelt. Wesentlich sei, dass Beschuldigte Konsequenzen tragen – sei es durch den Verlust von Ämtern oder durch strafrechtliche Urteile.
Die unabhängige Opferschutzkommission hat seit ihrer Einrichtung vor 15 Jahren fast 3600 Fälle in allen österreichischen Diözesen bearbeitet, darunter viele aus Heimen, die von Ordensgemeinschaften geführt wurden. Für die Diözese Innsbruck ist der jüngste Schritt eines Priesters, die eigene Geschichte öffentlich zu machen, ein Signal, dass Aufarbeitung erst beginnen kann, wenn Schweigen gebrochen wird – und Betroffene sich gehört fühlen.