Im Fall eines ehemaligen Lokführers, der über Jahre hinweg minderjährige Burschen in Lokomotiven gelockt und sexuell missbraucht haben soll, weitet die Wiener Polizei ihre Ermittlungen aus. Es bestehe der dringende Verdacht, dass die bislang bekannten sechs Opfer nur einen Teil der tatsächlichen Betroffenen darstellen, teilte die Behörde am Sonntag mit.
Die Ermittler gehen davon aus, dass der heute Beschuldigte zwischen 2003 und 2021 in mehreren Fällen seine berufliche Position ausnutzte, um Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren zu Übergriffen zu bewegen. Die Taten sollen sich auf Bahngelände und in Führerständen von Lokomotiven ereignet haben.
Der Fall war im Oktober durch journalistische Recherchen des ORF Wien ans Licht gekommen. Seither untersucht die Staatsanwaltschaft, welche Tatbestände im konkreten Fall erfüllt sein könnten. Vergewaltigung oder geschlechtliche Nötigung wurden bislang ausgeschlossen, im Raum stehen jedoch sexuelle Belästigung, der Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses sowie die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung.
Ermittlerinnen und Ermittler prüfen mittlerweile Hinweise auf mindestens sechs weitere junge Männer, die zur Tatzeit minderjährig waren und bereit sein sollen, gegen den Lokführer auszusagen. Die Österreichischen Bundesbahnen haben den Mann inzwischen vom Dienst abgezogen und ein Entlassungsverfahren eingeleitet.
Die Polizei appelliert eindringlich an potenzielle weitere Betroffene oder Zeugen, sich zu melden. Informationen würden streng vertraulich behandelt, es bestehe kein Anlass für Scham oder Unsicherheit, so die Ermittler. Hinweise werden unter der Telefonnummer 01 31310 33800 entgegengenommen.
Betroffenen stehen zahlreiche professionelle Anlaufstellen zur Verfügung, die Unterstützung, Beratung und auf Wunsch auch Prozessbegleitung anbieten. Der mutmaßliche Missbrauch – über fast zwei Jahrzehnte hinweg – zeigt einmal mehr, wie wichtig der Schutz junger Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen ist und wie entscheidend der Mut Einzelner sein kann, derartige Fälle aufzudecken.