Es ist ein Paradox unserer Zeit: Ohne Wikipedia gäbe es ChatGPT in dieser Form nicht – und doch droht genau diese künstliche Intelligenz, ihre eigene Quelle zu verdrängen. Zwischen März 2022 und März 2025 verlor Wikipedia laut SimilarWeb über 1,1 Milliarden monatliche Besuche. Im gleichen Zeitraum explodierte die Nutzung von ChatGPT – im Juli 2025 zählte die KI-Anwendung 5,72 Milliarden monatliche Zugriffe und ist damit inzwischen die sechstmeistbesuchte Website der Welt.
Wikipedia – einst Synonym für freies Wissen im Netz – wird von der Technologie überholt, die sie selbst mit aufgebaut hat. Denn bei der Entwicklung sogenannter Large Language Models (LLMs) gehören Wikipedia-Texte zu den wichtigsten Trainingsquellen – und werden beim maschinellen Lernen oft sogar überproportional gewichtet.
Was also passiert, wenn die KI, die mit Wikipedia gelernt hat, nun deren Platz einnimmt?
Wissensquelle in der Krise
Die freie Enzyklopädie steht vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits sinkt ihre Reichweite, weil Nutzerinnen und Nutzer heute lieber sofortige Antworten über Chatbots erhalten, statt sich durch Artikel zu klicken. Andererseits wird sie zunehmend selbst von KI-Inhalten überflutet, die fehlerhaft oder manipulativ sein können.
„Im Moment macht KI uns eher mehr Arbeit“, sagt Nina Leseberg von Wikimedia Deutschland, die dort im Bereich Communitys und Engagement tätig ist.
„Viele Menschen denken, sie könnten mithilfe von ChatGPT schnell einen Artikel schreiben. Das führt aber dazu, dass diese Texte oft voller Fehler sind. Häufig erfinden die Modelle Quellen, die gar nicht existieren.“
Für Wikipedia-Redakteure bedeutet das: Mehr Kontrolle, mehr Aufwand, mehr Unsicherheit. Denn während die Plattform früher als Bollwerk gegen Fake News galt, entstehen nun Fehlinformationen im Inneren des Systems selbst.
Wenn Fantasie zur Quelle wird
Der spektakulärste Fall: die angebliche „Amberlihisar-Festung“.
Von Januar bis Dezember 2023 existierte auf der englischsprachigen Wikipedia ein ausführlicher Artikel über eine osmanische Burg, die es nie gegeben hat. Der Beitrag war vollständig von einer KI generiert – sprachlich überzeugend, gut formatiert und mit angeblichen Quellen belegt. Erst nach Monaten fiel auf, dass das Bauwerk frei erfunden war.
Andere KI-Spuren sind offensichtlicher: Manche Einträge beginnen mit Phrasen wie
„Stand meines letzten Wissensupdates im Januar 2022“
– ein typischer Satz aus ChatGPT-Antworten.
Oder sie enthalten Einleitungen wie:
„Hier ist dein Wikipedia-Artikel über …“
– ein klarer Hinweis darauf, dass der Text eins zu eins kopiert wurde, ohne die Chatbot-Struktur zu entfernen.
Eine Studie der Princeton University aus dem Oktober 2024 zeigt, wie groß das Problem inzwischen ist: Rund 4,36 bis 5 Prozent der im August 2024 neu erstellten englischen Wikipedia-Artikel enthielten signifikant KI-generierte Passagen. Diese Beiträge seien im Durchschnitt weniger belegt, ungenauer formuliert und anfälliger für Fehler.
ChatGPT überholt die Quelle – ein strukturelles Dilemma
Dass Wikipedia heute hinter ChatGPT zurückbleibt, hat auch mit der Art der Wissensvermittlung zu tun. Während Wikipedia neutral, textlastig und quellenbasiert arbeitet, liefern KI-Systeme sofortige, personalisierte Antworten – ohne Quellennachweis, aber mit flüssiger Sprache.
Für viele Nutzer ist das bequemer und intuitiver. Doch der Preis dafür ist Intransparenz: ChatGPT verrät nicht, woher seine Informationen stammen – und wenn sie aus Wikipedia kommen, wird das selten sichtbar.
Damit entsteht eine Abhängigkeit ohne Anerkennung: Die KI profitiert von der Wikipedia – aber trägt nicht zu ihrer Pflege bei. Es ist, als würde ein Schüler die Notizen des Lehrers verwenden, um populärer zu werden, während der Lehrer zunehmend ignoriert wird.
Projekt „Saubere Wikipedia“ – Kampf gegen KI-Verschmutzung
Innerhalb der Community laufen mittlerweile Initiativen wie das Projekt „Saubere Wikipedia“, bei dem Freiwillige und Prüfteams verdächtige Artikel auf KI-Spuren überprüfen. Ziel ist es, KI-generierte Fehlinformationen zu erkennen und zu löschen, bevor sie sich verbreiten.
Doch das ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Je besser die Modelle werden, desto schwerer ist es, ihre Handschrift zu erkennen.
„Wir müssen neue Methoden finden, um Herkunft und Qualität von Inhalten zu sichern“, sagt Leseberg. Langfristig könnte Wikipedia eigene KI-Tools einsetzen – nicht um Texte zu schreiben, sondern um Verlässlichkeit zu prüfen.
Hat Wikipedia noch eine Zukunft?
Trotz des Besucher-Rückgangs bleibt Wikipedia eine der wichtigsten Wissenssammlungen der Menschheit – offen, überprüfbar und gemeinschaftlich gepflegt. Doch die Frage ist: Kann sie sich in einer Welt behaupten, in der Wissen zunehmend automatisiert entsteht?
KI-Systeme wie ChatGPT sind schnell, charmant und interaktiv – aber sie leben vom Wissen anderer. Ohne Plattformen wie Wikipedia gäbe es kein solides Fundament.
Die Zukunft der Wikipedia hängt daher davon ab, ob es gelingt, ihre Unabhängigkeit, Qualität und Sichtbarkeit zu bewahren – und die Menschen daran zu erinnern, dass freies Wissen Arbeit bedeutet, nicht nur Daten.
Denn wenn die Quelle versiegt, hat auch die klügste Maschine nichts mehr zu sagen.