Nach den schwerwiegenden Vorwürfen über jahrelange Misshandlungen im SOS-Kinderdorf im kärntnerischen Moosburg zieht die Organisation Konsequenzen: Eine externe Evaluierung der bisherigen Aufarbeitungsprozesse wurde angekündigt, zudem soll eine Whistleblowing-Plattform eingerichtet werden, um anonym Missstände melden zu können. Damit reagiert das SOS-Kinderdorf auf erschütternde Enthüllungen, die am Dienstag durch einen Bericht der Wiener Wochenzeitung Falter bekannt wurden.
Laut dem Bericht sollen Kinder in der Einrichtung systematisch misshandelt, eingeschüchtert, isoliert und in teils entwürdigender Weise behandelt worden sein. Die Vorwürfe reichen von Essensentzug über physische Gewalt bis hin zu mutmaßlich sexualisiertem Fehlverhalten durch pädagogisches Personal. Ein Kind sei über drei Jahre hinweg jede Nacht in seinem Zimmer eingesperrt worden. Andere seien geschlagen, gebissen und nackt fotografiert worden. Ein leitender Pädagoge soll zudem Kinder mit nach Hause genommen haben – ein klarer Verstoß gegen professionelle Standards.
Organisation tief betroffen – erste Entschädigungen gezahlt
In einer ersten Stellungnahme zeigte sich das SOS-Kinderdorf „zutiefst betroffen“ und entschuldigte sich bei den Betroffenen. Einige von ihnen hätten bereits ein Opferschutzverfahren durchlaufen und Entschädigungszahlungen erhalten. Zwar könne das Geschehene nicht rückgängig gemacht werden, man wolle aber ein klares Zeichen der Verantwortung und Wiedergutmachung setzen.
„Der Aufsichtsrat wird zeitnah eine externe Evaluierung der Aufarbeitungsprozesse zur Sicherstellung der institutionellen Verantwortung beauftragen“, hieß es weiter. Untersucht werden soll, ob die Maßnahmen, die nach Bekanntwerden erster Vorwürfe in der Vergangenheit eingeleitet wurden, tatsächlich wirksam waren.
Ein zentrales Element soll künftig eine neu eingerichtete Whistleblower-Plattform sein, über die anonym Hinweise auf Fehlverhalten gemeldet werden können. Auch die bestehenden Ombudsstellen sollen für Betroffene offenstehen.
Ermittlungen eingestellt – Whistleblower anfangs verurteilt
Bereits im Jahr 2020 war es zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen einen früheren Heimleiter und eine weitere Person gekommen. Damals ging es um mutmaßliche Missbrauchsdarstellungen und Machtmissbrauch während eines Ferienlagers in Italien. Die Verfahren wurden jedoch eingestellt – unter anderem, weil die Fotos von badenden Kindern laut Staatsanwaltschaft nicht den Tatbestand des §207a StGB erfüllten.
Ein bitterer Beigeschmack bleibt: Die Person, die den damaligen Heimleiter angezeigt hatte, wurde zunächst wegen Verleumdung verurteilt – ein Urteil, das jedoch später vom Oberlandesgericht Graz aufgehoben wurde. Es folgte ein Freispruch.
Politischer Druck wächst
Auch die Politik meldete sich zu Wort – mit deutlicher Kritik und klaren Forderungen. Gerhard Köfer, Vorsitzender des Team Kärnten, sprach von „zutiefst verstörenden Enthüllungen“ und forderte eine lückenlose strafrechtliche wie institutionelle Aufarbeitung. Iris Glanzer (NEOS) und Olga Voglauer (Grüne) äußerten sich ähnlich erschüttert. Voglauer betonte, dass in solchen Fällen „noch immer kollektiv weggeschaut“ werde – und forderte auch das Land Kärnten zum Handeln auf.
Die FPÖ kritisierte in einer Aussendung, dass Erkenntnisse offenbar unter Verschluss gehalten worden seien. Parteichef Erwin Angerer kündigte Initiativen im Kärntner Landtag an, um Aufklärung und Transparenz sicherzustellen: „Es ist völlig inakzeptabel, dass seitens der Landesregierung nicht sofort mit allen Mitteln für Aufklärung gesorgt wurde.“
Aufarbeitung erst am Anfang
Die Enthüllungen haben nicht nur ein Schlaglicht auf mutmaßliches individuelles Versagen geworfen, sondern auch auf strukturelle Defizite innerhalb der Einrichtung und möglicherweise bei Aufsichtsbehörden. Die angekündigte externe Evaluierung ist ein erster Schritt – doch der Weg zu echter Aufarbeitung dürfte lang und schmerzhaft werden.