Sam DeMello schien mit 26 Jahren alles erreicht zu haben: gut bezahlter Job in der Tech-Branche, sportlicher Lifestyle, stabile Beziehung. Doch hinter der Fassade verbarg sich eine zerstörerische Sportwettensucht, die er erst Jahre später als solche erkannte.
„Alle sagten: ‘Du hast’s geschafft, wir sind stolz auf dich.’ Aber ich fühlte mich wie ein Betrüger“, erzählt DeMello. Als er 2013 den Marathon in San Francisco beendete, war da kein Triumph – sondern Selbsthass.
Heute ist DeMello 38, trocken, clean – und offen über das, was er als versteckte Sucht bezeichnet. Eine, die immer mehr junge Männer in den USA betrifft, vor allem seitdem Sportwetten in 39 Bundesstaaten legalisiert wurden. Durch einfache Zugänge über Smartphone-Apps wie DraftKings oder FanDuel und aggressive Werbung fällt vielen nicht auf, dass ihr Verhalten längst problematisch ist.
Die neue Sucht: Glücksspiel auf dem Smartphone
„Sportwetten sind inzwischen so normalisiert, dass junge Leute aufwachsen und denken: Sport = Wetten“, erklärt Dr. Timothy Fong, Leiter des Gambling Studies Program an der UCLA. Die Verbindung zwischen Unterhaltung und Wetteinsatz sei fest in der Popkultur verankert – inklusive Risikoverleugnung.
Anders als bei Drogen werden bei Glücksspiel keine Substanzen konsumiert, was die Gefahr oft unsichtbar macht. „Aber die neurobiologischen Prozesse sind die gleichen“, sagt Heather Eshleman vom Maryland Center of Excellence on Problem Gambling. „Dopamin, Belohnungszentrum, Kontrollverlust – alles wie bei anderen Süchten.“
Besonders gefährlich ist der Einstieg im Jugendalter. Das Gehirn reift bis Mitte 20, vor allem in Bereichen wie Impulskontrolle und Entscheidungsfähigkeit. „Ein 17-Jähriger kann Verluste emotional kaum verarbeiten. Aber er will beweisen, dass er dazugehört“, so Fong.
Versteckt, aber zerstörerisch
DeMello wettete heimlich – in der U-Bahn, beim Therapeuten, bei Burning Man. Er lebte mit seiner Verlobten, ohne dass sie von der Sucht wusste. „Ich habe nie Schulden gemacht oder Geld geliehen – deshalb dachte ich, ich sei kein Süchtiger.“ In Wahrheit verlor er über zehn Jahre hinweg zwischen 500.000 und 1 Million Dollar – und entwickelte zusätzlich Alkohol- und Drogenprobleme.
Viele denken, Spielsucht betreffe nur verzweifelte Männer an Spielautomaten oder Pferderennbahnen. „Aber die meisten Betroffenen sind jung, erfolgreich und süchtig nach dem Adrenalinkick“, erklärt Cait Huble vom National Council on Problem Gambling. Dabei wird die Sucht oft nicht ernst genommen – weder gesellschaftlich noch politisch.
Kaum Aufklärung, kaum Schutz
Während für Alkohol, Zigaretten und Cannabis Aufklärungskampagnen laufen, ist Glücksspielprävention oft lückenhaft und staatlich kaum reguliert. Es gibt keine US-Behörde, die sich explizit mit Spielsucht befasst. Werbung für Sportwetten erreicht Jugendliche ohne Altersprüfung – gesetzlich unreguliert.
„Die Kids steigen ein, ohne Anleitung, ohne Schutz“, sagt Fong. Viele wissen nicht einmal, dass auch Fantasy Sports oder Rubbellose unter Glücksspiel fallen. Laut einer Umfrage betrachten nur 50 % der 18- bis 24-Jährigen Sportwetten überhaupt als Glücksspiel – bei den über 65-Jährigen sind es 92 %.
Hilfe im digitalen Raum
Nach über 50 gescheiterten „kalten Entzügen“ und desillusionierenden Therapieversuchen fand DeMello schließlich einen Weg – durch digitale Hilfe. Er gründete die App Evive, eine Plattform für junge Menschen mit Glücksspielproblemen. Partnerstaaten wie Oregon, Louisiana und Massachusetts nutzen die App bereits.
„Junge Menschen wollen nicht irgendwo anrufen und sich outen. Sie brauchen Hilfe da, wo sie sind – am Smartphone“, sagt DeMello.
Fazit: Reden – und zwar früh
Fong und DeMello fordern, dass Glücksspielprävention endlich fester Teil der Erziehung wird. „Wie wir über Sex und Drogen sprechen, müssen wir auch über Wetten sprechen.“