Der erste veröffentlichte Jahresabschluss der 206. WestWind Windpark GmbH & Co. KG zeigt eine Projektgesellschaft in einer sehr frühen Entwicklungsphase. Der Windpark befindet sich offensichtlich noch im Aufbau beziehungsweise in der Investitionsphase. Entsprechend steht weniger die Ertragskraft als vielmehr die Finanzierung des Projekts im Mittelpunkt. Für Anleger bietet der Abschluss erste Einblicke – wirft aber auch zahlreiche offene Fragen auf.
Milliardenprojekt? Nein – aber erheblicher Investitionsaufwand
Innerhalb eines Jahres stieg die Bilanzsumme von praktisch null auf rund 2,1 Millionen Euro.
Der größte Vermögenswert besteht aus einem Anlagevermögen von 1,8 Millionen Euro, das überwiegend aus Sachanlagen besteht. Ergänzt wird dies durch ein Umlaufvermögen von rund 302.000 Euro, das für die laufende Projektentwicklung zur Verfügung steht.
Dies zeigt, dass sich das Projekt in einer kapitalintensiven Aufbauphase befindet.
Eigenkapital vorhanden – Fremdfinanzierung dominiert
Das Eigenkapital beträgt zum Jahresende 130.666 Euro.
Dem stehen jedoch Verbindlichkeiten von knapp 1,97 Millionen Euro gegenüber.
Damit wird deutlich, dass das Projekt überwiegend fremdfinanziert ist. Eine solche Struktur ist bei Windparkprojekten zwar üblich, erhöht jedoch die Abhängigkeit von Kreditgebern und den späteren Einnahmen aus der Stromproduktion.
Aus Anlegersicht bedeutet dies: Die wirtschaftliche Tragfähigkeit hängt entscheidend davon ab, dass der Windpark nach Inbetriebnahme die kalkulierten Erträge tatsächlich erwirtschaftet.
Fast sämtliche Vermögenswerte dienen als Kreditsicherheit
Ein besonders wichtiger Punkt findet sich im Anhang.
Nahezu sämtliche Verbindlichkeiten – insgesamt rund 1,97 Millionen Euro – sind durch Pfandrechte oder vergleichbare Sicherheiten abgesichert.
Das bedeutet, dass wesentliche Vermögenswerte des Projekts den finanzierenden Banken als Sicherheit dienen.
Für Kreditgeber ist dies ein normaler Bestandteil der Projektfinanzierung. Für Eigenkapitalinvestoren zeigt es jedoch, dass Banken im Ernstfall vorrangig auf die Vermögenswerte zugreifen können.
Rückbau bereits berücksichtigt
Positiv ist, dass die Gesellschaft bereits an die spätere Stilllegung denkt.
Für den Rückbau der Windenergieanlage wurde eine Bankbürgschaft über 120.000 Euro gestellt. Gleichzeitig besteht ein entsprechendes Rückgriffsrecht der Bank gegenüber der Gesellschaft.
Dies zeigt, dass gesetzliche Rückbauverpflichtungen bereits in der Projektplanung berücksichtigt wurden.
Keine Aussagen zur Ertragskraft möglich
Der größte Nachteil des veröffentlichten Abschlusses besteht aus Sicht potenzieller Anleger in der äußerst begrenzten Informationslage.
Es fehlen insbesondere:
- eine veröffentlichte Gewinn- und Verlustrechnung,
- Angaben zu Umsätzen,
- Informationen über Stromproduktion,
- Aussagen zum Baufortschritt,
- Zeitplan für die Inbetriebnahme,
- Wirtschaftlichkeits- oder Ausschüttungsprognosen.
Dadurch lässt sich derzeit nicht beurteilen, ob die erwarteten Einnahmen später ausreichen werden, um Zins- und Tilgungsverpflichtungen dauerhaft zu bedienen.
Kleinstgesellschaft mit begrenzter Transparenz
Die Gesellschaft nutzt die gesetzlichen Erleichterungen für Kleinstgesellschaften.
Das ist rechtlich zulässig, bedeutet für Anleger jedoch eine deutlich geringere Transparenz als bei größeren Windparkgesellschaften. Gerade in der frühen Projektphase wären weitergehende Informationen zur Finanzierung und Projektentwicklung hilfreich gewesen.
Chancen
Positiv hervorzuheben sind:
- erheblicher Projektfortschritt innerhalb des ersten Geschäftsjahres,
- Investitionen in das Anlagevermögen,
- vorhandenes Eigenkapital,
- langfristige Finanzierung,
- Rückbauverpflichtungen wurden bereits berücksichtigt.
Risiken
Kritisch bleiben dagegen:
- sehr hohe Fremdfinanzierung,
- nahezu vollständige Besicherung der Vermögenswerte zugunsten der Banken,
- keine Aussagen zur späteren Ertragskraft,
- keine veröffentlichten Umsätze oder Ergebnisse,
- geringe Transparenz aufgrund der Kleinstgesellschaftsregelungen.
Fazit aus Anlegersicht
Der erste Jahresabschluss der 206. WestWind Windpark GmbH & Co. KG zeigt ein typisches Infrastrukturprojekt in der Investitionsphase. Hohe Fremdfinanzierung und umfangreiche Banksicherheiten sind in diesem Stadium nicht ungewöhnlich und allein noch kein Warnsignal.
Für eine fundierte Investitionsbewertung reichen die veröffentlichten Informationen jedoch nicht aus. Ob das Projekt wirtschaftlich erfolgreich sein wird, hängt maßgeblich davon ab, ob der Windpark planmäßig fertiggestellt wird und anschließend die erwarteten Stromerträge erzielt. Solange hierzu keine operativen Kennzahlen oder Ergebniszahlen vorliegen, sollten Anleger die wirtschaftliche Entwicklung mit einer gewissen Zurückhaltung beurteilen und die kommenden Jahresabschlüsse aufmerksam verfolgen.