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Frankreichs Schulden steigen auf Rekordniveau: Quote nähert sich 120 Prozent der Wirtschaftsleistung

Chickenonline (CC0), Pixabay

Die Entwicklung ist deutlich: Noch 2025 lag Frankreichs öffentliche Verschuldung bei rund 115,7 Prozent der Wirtschaftsleistung. 2026 sollen es 119,3 Prozent werden und im kommenden Jahr bereits 121,7 Prozent.

Damit wächst die Verschuldung schneller als die Wirtschaftsleistung.

Zum Vergleich: Vor der Corona-Pandemie, im Jahr 2019, lag die französische Schuldenquote noch unter 100 Prozent.

Was bedeuten 119,3 Prozent Schuldenquote?

Die Zahl bedeutet nicht, dass Frankreich 119,3 Prozent seiner jährlichen Staatseinnahmen verschuldet ist.

Bezugsgröße ist vielmehr das Bruttoinlandsprodukt, also vereinfacht gesagt der Wert der innerhalb eines Jahres produzierten Waren und Dienstleistungen.

Eine Schuldenquote von 119,3 Prozent bedeutet deshalb: Der gesamte öffentliche Schuldenstand entspricht ungefähr dem 1,193-Fachen einer jährlichen französischen Wirtschaftsleistung.

Steigt die Quote auf 121,7 Prozent, wächst dieses Verhältnis weiter.

Mehr als doppelt so hoch wie die EU-Referenzmarke

Besonders auffällig ist der Abstand zu den europäischen Fiskalregeln.

Der Maastricht-Vertrag nennt für den öffentlichen Schuldenstand einen Referenzwert von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Frankreich liegt 2026 mit den erwarteten 119,3 Prozent fast beim Doppelten dieses Wertes.

Die Überschreitung bedeutet allerdings nicht, dass Frankreich seine Staatsschulden kurzfristig auf 60 Prozent reduzieren müsste. Die europäischen Fiskalregeln sehen für hoch verschuldete Staaten Anpassungspfade vor.

Entscheidend ist daher auch die Frage, ob es Frankreich gelingt, das Haushaltsdefizit zurückzuführen und die Schuldenquote mittelfristig zu stabilisieren.

Das Defizit ist das Kernproblem

Für die Entwicklung der Schulden ist nicht nur der bereits vorhandene Schuldenberg entscheidend.

Frankreich gibt weiterhin deutlich mehr aus, als der Staat einnimmt.

Für 2026 wird ein Haushaltsdefizit von etwa 5,4 Prozent der Wirtschaftsleistung erwartet. Damit kommen zum bestehenden Schuldenstand weitere Defizite hinzu.

Genau daraus entsteht eine schwierige Dynamik: Hohe laufende Defizite erhöhen die Verschuldung, während die bereits vorhandenen Schulden gleichzeitig Zinszahlungen verursachen.

Schwaches Wachstum verschärft das Problem

Hinzu kommt, dass die französische Wirtschaft 2026 nur schwach wächst.

Die Regierung senkte ihre Wachstumsprognose zuletzt auf 0,5 Prozent. Für 2027 erwartet sie eine Erholung auf 1,0 Prozent.

Die französische Zentralbank ist für 2026 sogar noch etwas vorsichtiger und rechnet lediglich mit 0,4 Prozent Wachstum.

Für die Schuldenquote ist das relevant.

Denn sie stellt Schulden und Wirtschaftsleistung ins Verhältnis. Wächst die Wirtschaft kräftig, kann sich eine hohe Verschuldung relativieren. Bei schwachem Wachstum ist es dagegen erheblich schwieriger, die Quote zu stabilisieren oder zu senken.

Frankreich muss immer mehr Geld für Zinsen einplanen

Die zweite große Belastung sind die Finanzierungskosten.

Ein Staat muss bestehende Anleihen regelmäßig refinanzieren und für neu aufgenommene Schulden die am Kapitalmarkt verlangten Zinsen bezahlen.

Steigen diese Finanzierungskosten, beansprucht der Schuldendienst einen größeren Teil des Haushalts.

Aktuell hat sich der Renditeaufschlag französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen deutlich ausgeweitet. Reuters berichtete zuletzt von mehr als einem Prozentpunkt beziehungsweise 100 Basispunkten – einem Niveau, das seit der Euro-Schuldenkrise 2012 nicht mehr erreicht worden war.

Das ist ein Warnsignal des Kapitalmarktes, aber nicht gleichbedeutend mit einer unmittelbar bevorstehenden Zahlungsunfähigkeit Frankreichs.

Höhere Zinsen können einen Kreislauf auslösen

Die Entwicklung kann für einen hoch verschuldeten Staat problematisch werden.

Muss Frankreich für neue Anleihen höhere Zinsen zahlen, steigt nach und nach die Zinsbelastung im Haushalt.

Dieses Geld steht anschließend nicht mehr für andere Aufgaben zur Verfügung – beispielsweise für Infrastruktur, Bildung, Verteidigung oder Sozialausgaben.

Reuters zufolge werden die französischen Schuldendienstkosten inzwischen für 2026 um rund 4,5 Milliarden Euro und für das kommende Jahr um etwa zehn Milliarden Euro höher eingeschätzt als zuvor angenommen.

Gerade deshalb ist die Höhe der Schuldenquote allein nicht die einzige entscheidende Größe. Mindestens ebenso wichtig ist, zu welchen Konditionen sich ein Staat finanzieren kann.

Regierung plant Milliarden-Einsparungen

Die Regierung versucht deshalb, die Entwicklung zu bremsen.

Für den Haushalt 2027 steht ein Sparpaket von rund 54 Milliarden Euro im Raum. Damit soll verhindert werden, dass sich das Defizit ohne Gegenmaßnahmen noch wesentlich stärker ausweitet.

Die Umsetzung ist politisch schwierig.

Ausgabenkürzungen können Sozialleistungen, staatliche Programme oder Kommunen betreffen und stoßen entsprechend auf Widerstand. Steuererhöhungen wären eine alternative Möglichkeit, die Einnahmen zu verbessern, sind politisch aber ebenfalls umstritten.

Damit wird aus dem finanzpolitischen Problem unmittelbar eine politische Verteilungsfrage.

Ohne Gegenmaßnahmen könnte die Quote weiter steigen

Wie ernst die längerfristige Entwicklung ist, zeigt eine vom französischen Finanzministerium veröffentlichte Untersuchung unabhängiger Experten.

In einem Szenario ohne neue Konsolidierungsmaßnahmen könnte die französische Schuldenquote von rund 118 Prozent 2026 auf mehr als 130 Prozent im Jahr 2030 steigen. Gleichzeitig könnte sich das Defizit bis dahin auf annähernd sieben Prozent des BIP ausweiten.

Die Experten rechnen in diesem Szenario zudem damit, dass die jährliche Zinsbelastung zwischen 2027 und 2030 jeweils um etwa zehn Milliarden Euro zunehmen könnte.

Das ist allerdings ausdrücklich ein Szenario bei unveränderter Politik – keine zwangsläufige Prognose.

Frankreich ist nicht zahlungsunfähig

Bei Zahlen von rund 120 Prozent des BIP liegt schnell der Vergleich mit früheren europäischen Schuldenkrisen nahe.

Doch eine hohe Schuldenquote allein bedeutet nicht, dass ein Staat zahlungsunfähig ist.

Entscheidend sind unter anderem Wirtschaftskraft, Steuereinnahmen, Wachstumsaussichten, Laufzeiten der bestehenden Schulden, Zinskosten und das Vertrauen der Kapitalmärkte.

Frankreich gehört zu den größten Volkswirtschaften Europas und verfügt über einen großen und liquiden Markt für Staatsanleihen.

Dennoch macht eine immer höhere Verschuldung das Land empfindlicher gegenüber steigenden Zinsen und wirtschaftlichen Krisen.

Auch Ratingagenturen beobachten die Entwicklung

Die Entwicklung der Staatsfinanzen wird deshalb auch von Ratingagenturen genau verfolgt.

Ende August bestätigte Fitch Frankreich nach Angaben des Finanzministeriums mit der Bonitätsnote A+ und stabilem Ausblick.

Die französische Regierung erklärte anschließend erneut, Defizit und Schulden begrenzen zu wollen.

Für den Staat ist die Bonität von großer Bedeutung: Je skeptischer Investoren die langfristige Tragfähigkeit der Staatsfinanzen beurteilen, desto höher können die Renditen ausfallen, die sie für französische Staatsanleihen verlangen.

Die entscheidende Frage ist nicht die 60-Prozent-Marke

Die 60-Prozent-Referenz der EU ist politisch und rechtlich wichtig. Für die aktuelle wirtschaftliche Bewertung ist jedoch eine andere Frage mindestens ebenso entscheidend:

Kann Frankreich verhindern, dass die Schuldenquote dauerhaft weiter steigt?

Genau daran entscheidet sich, wie problematisch die heutigen 119,3 Prozent langfristig werden.

Bei stärkerem Wachstum, niedrigeren Haushaltsdefiziten und stabilen Finanzierungskosten könnte die Quote wieder stabilisiert werden. Bleiben dagegen hohe Defizite, schwaches Wachstum und steigende Zinsen zusammen bestehen, wächst der Konsolidierungsdruck.

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