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Wirtschaftsforscher erwarten stärkeres Wachstum – doch Prognosen sind keine Gewissheit

ColiN00B (CC0), Pixabay

Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft werden plötzlich deutlich besser eingeschätzt. Mehrere führende Wirtschaftsinstitute haben ihre Prognosen für das laufende Jahr kräftig nach oben korrigiert. Sie rechnen inzwischen mit einem Wirtschaftswachstum zwischen 1,2 und 1,4 Prozent.

Das klingt zunächst nach einer erfreulichen Nachricht. Allerdings sollte dabei ein entscheidender Punkt nicht übersehen werden:

Eine Prognose ist noch kein tatsächliches Wirtschaftswachstum. Sie ist eine begründete Vorhersage darüber, wie sich die Wirtschaft nach Einschätzung der Experten entwickeln könnte.

Und solche Vorhersagen können sich innerhalb weniger Monate erheblich verändern.

Institute erhöhen ihre Erwartungen deutlich

Das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) und das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erwarten für das laufende Jahr inzwischen ein Wachstum der deutschen Wirtschaftsleistung von 1,3 Prozent.

Das Münchener Ifo-Institut ist noch etwas optimistischer und rechnet mit 1,4 Prozent.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte seine Prognose bereits zuvor auf 1,2 Prozent erhöht.

Wirtschaftsinstitut Aktuelle Wachstumsprognose
DIW 1,2 %
IfW Kiel 1,3 %
RWI 1,3 %
Ifo-Institut 1,4 %

Bemerkenswert ist vor allem, wie stark sich die Einschätzungen verändert haben. Die Institute haben ihre Erwartungen gegenüber früheren Prognosen um 0,5 bis 0,7 Prozentpunkte angehoben.

Gerade das zeigt aber auch, weshalb Prognosen nicht mit bereits feststehenden Ergebnissen verwechselt werden dürfen.

Warum sind die Forscher plötzlich optimistischer?

Ein Grund für die besseren Erwartungen ist die Entwicklung im ersten Halbjahr.

Nach Einschätzung des RWI haben insbesondere Exporte und staatliche Ausgaben für eine überraschend kräftige Belebung gesorgt.

Auch das Ifo-Institut sieht positive Impulse aus dem Ausland. Hinzu kommen zusätzliche staatliche Ausgaben für Infrastruktur, Klimaschutz und Verteidigung.

Diese Ausgaben helfen derzeit dabei, andere Belastungen für die Wirtschaft abzufedern.

Besonders für die seit längerer Zeit angeschlagene deutsche Industrie sehen die Forscher erste Lichtblicke.

Ein Problem bleibt: Die private Nachfrage ist schwach

Von einem kräftigen und selbsttragenden Wirtschaftsaufschwung kann trotzdem noch keine Rede sein.

Das RWI weist ausdrücklich darauf hin, dass die private Nachfrage weiterhin schwach ist.

Das bedeutet: Der Aufschwung wird momentan nicht in erster Linie dadurch getragen, dass Verbraucher deutlich mehr kaufen oder Unternehmen massiv investieren.

Eine wichtige Stütze sind vielmehr die Ausgaben des Staates.

Genau darin liegt eine Schwachstelle der derzeitigen Entwicklung.

Denn staatliche Milliarden können die Wirtschaft vorübergehend anschieben. Für einen dauerhaft stabilen Aufschwung müssten aber auch Unternehmen wieder stärker investieren und Verbraucher mehr Vertrauen in die wirtschaftliche Entwicklung gewinnen.

Selbst die Forscher warnen vor zu viel Optimismus

Das Kiel Institut formuliert seine Einschätzung deshalb vorsichtig:

Die deutsche Wirtschaft habe zwar ihre „Talsohle durchschritten“, die Erholung bleibe jedoch „fragil“.

Für das dritte Quartal erwarten die Experten beispielsweise lediglich ein Wachstum von 0,1 Prozent.

Ein Grund dafür ist das lange Niedrigwasser am Rhein. Dadurch könnten Produktion und Transport beeinträchtigt werden. Nach Einschätzung des Instituts könnte allein dieser Effekt die Wirtschaftsleistung um etwa 0,2 Prozent drücken.

Erst gegen Ende des Jahres wird wieder mit einem stärkeren Wachstum gerechnet.

Auch das ist allerdings zunächst nur eine Erwartung.

Iran-Krieg bleibt ein erheblicher Risikofaktor

Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch die Folgen des Iran-Krieges.

Das Kiel Institut warnt ausdrücklich vor weiteren wirtschaftlichen Rückschlägen.

Steigende Energiepreise oder neue Probleme im internationalen Handel könnten die derzeitigen Berechnungen schnell wieder verändern.

Auch die Wirkung der staatlichen Ausgaben dürfte nach Einschätzung der Forscher in den kommenden Jahren nachlassen.

Warum Wirtschaftsprognosen mit Vorsicht betrachtet werden sollten

Wirtschaftsinstitute arbeiten mit umfangreichen Daten und wissenschaftlichen Modellen. Ihre Prognosen sind deshalb keineswegs bloße Spekulationen.

Trotzdem können sie die Zukunft nicht kennen.

Eine Wirtschaftsprognose basiert immer auf Annahmen über die weitere Entwicklung.

Dazu gehören beispielsweise:

Wie entwickeln sich Energiepreise? Wie viel exportieren deutsche Unternehmen? Wie stark investieren Firmen? Wie viel konsumieren die Bürger? Wie entwickelt sich die Weltwirtschaft? Welche Folgen haben Kriege und andere Krisen? Und wie viel Geld gibt der Staat aus?

Ändert sich einer dieser Faktoren deutlich, kann sich auch die Prognose verändern.

Die deutliche Korrektur zeigt selbst die Unsicherheit

Das beste Beispiel liefern die Institute derzeit selbst.

Noch vor wenigen Monaten waren ihre Wachstumserwartungen wesentlich niedriger. Nun werden die Prognosen teilweise um mehr als einen halben Prozentpunkt nach oben korrigiert.

Das bedeutet nicht, dass die früheren Berechnungen unseriös waren.

Es zeigt vielmehr, was eine Prognose tatsächlich ist:

eine Momentaufnahme auf Grundlage der Informationen, die zu diesem Zeitpunkt verfügbar sind.

Neue Wirtschaftsdaten können schon wenige Wochen oder Monate später zu einer anderen Einschätzung führen.

Deutschland ist noch nicht im kräftigen Aufschwung

Die höheren Prognosen sind deshalb zunächst ein positives Signal, aber noch kein Beweis für einen dauerhaften Wirtschaftsaufschwung.

Positiv sind die stärkeren Exporte, die staatlichen Investitionen und erste Lichtblicke für die Industrie.

Gleichzeitig bleiben erhebliche Risiken: Die private Nachfrage ist schwach, private Investitionen fehlen, Energiepreise und internationale Krisen können die Entwicklung belasten und ein Teil des derzeitigen Wachstums wird durch hohe staatliche Ausgaben getragen.

Deshalb ist die Aussage der Wirtschaftsforscher, die Erholung bleibe „fragil“, besonders wichtig.

1,2, 1,3 oder 1,4 Prozent Wachstum sind derzeit Prognosen – keine feststehenden Ergebnisse.

Ob die deutsche Wirtschaft am Ende des Jahres tatsächlich so stark gewachsen sein wird, lässt sich erst feststellen, wenn die entsprechenden Wirtschaftsdaten vorliegen.

Bis dahin gilt: Die Aussichten haben sich verbessert. Ob daraus tatsächlich ein nachhaltiger Aufschwung wird, bleibt offen.

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