Sexualisierte Belästigung im Internet macht längst nicht mehr vor sozialen Netzwerken Halt. Immer häufiger geraten auch Online-Verkaufsplattformen wie Vinted oder Kleinanzeigen in den Fokus. Frauen berichten von anzüglichen Nachrichten, Fetischanfragen und dem Missbrauch ihrer Fotos. Betroffene und Beratungsstellen werfen den Plattformbetreibern vor, nicht entschieden genug gegen digitale Übergriffe vorzugehen. Eine aktuelle Recherche zeigt: Das Problem ist größer als viele vermuten – und belastbare Zahlen fehlen nahezu vollständig.
Eigentlich wollte Alicia Osiik lediglich ein Paar Schuhe verkaufen. Statt Kaufanfragen erhielt die damals 16-Jährige Nachrichten von Männern, die nach Fußbildern oder getragenen Socken fragten. Für die Schülerin war es ein Schock.
„Ich dachte, so etwas passiert anderen – aber doch nicht mir“, schildert sie rückblickend. Freunde rieten ihr schließlich, den Vorfall bei der Polizei anzuzeigen. Doch dort sei ihre Anzeige gar nicht erst aufgenommen worden. Die Beamten hätten erklärt, es habe sich zunächst lediglich um ein Angebot gehandelt und ob sie sich dadurch belästigt fühle, müsse sie selbst beurteilen.
Frauenfotos landen in Telegram-Gruppen
Der Fall ist kein Einzelfall. Bereits 2025 deckten Journalisten von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung auf, dass Fotos von mehr als 100 Frauen, die auf Vinted Kleidung verkauft hatten, in einem Telegram-Kanal gesammelt, kommentiert und sexualisiert wurden. Die Betroffenen wurden anschließend mit einer Flut an belästigenden Nachrichten konfrontiert.
Für Alicia Osiik war dies der Auslöser, selbst aktiv zu werden. Inzwischen studiert sie Politikwissenschaft und hat eine Petition gestartet, mit der sie eine Screenshot-Sperre auf der Secondhand-Plattform Vinted fordert. Mehr als 19.000 Menschen haben die Initiative bereits unterstützt.
„Wir sind nicht das Produkt, wir verkaufen Produkte“, sagt sie. Es sei entwürdigend und entmenschlichend, wenn Frauen beim Verkauf gebrauchter Kleidung plötzlich selbst zum Objekt gemacht würden.
Plattformen stehen in der Kritik
Beratungsstellen und Juristen kritisieren seit Längerem, dass digitale Verkaufsplattformen zu wenig gegen sexuelle Belästigung unternehmen. Elizabeth Ávila González vom Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe verweist darauf, dass der europäische Digital Services Act große Plattformen eigentlich verpflichtet, systemischen Risiken geschlechtsbezogener Gewalt entgegenzuwirken.
Nach ihrer Einschätzung werde diese Verpflichtung jedoch bislang nicht konsequent umgesetzt. Kleinere Plattformen orientierten sich wiederum an den großen Anbietern und sähen wenig Anlass, strengere Schutzmaßnahmen einzuführen.
Besonders problematisch sei außerdem, dass es kaum belastbare Daten über das tatsächliche Ausmaß der Belästigungen gebe. Weder Vinted noch Kleinanzeigen veröffentlichen entsprechende Statistiken. Teilweise würden solche Daten nach Angaben der Unternehmen gar nicht systematisch erfasst. Dadurch bleibe unklar, wie häufig sexuelle Übergriffe tatsächlich vorkommen und welche Täterstrukturen dahinterstehen.
Betreiber weisen Vorwürfe zurück
Vinted betont, sexuelle Belästigung oder unangemessenes Verhalten würden nicht toleriert. Jede Meldung werde von spezialisierten Teams geprüft. Nach Angaben des Unternehmens sei die Zahl entsprechender Meldungen im Verhältnis zur Größe der weltweiten Community gering.
Auch Kleinanzeigen erklärte, eng mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenzuarbeiten. Besonders sensible Fälle – etwa wenn Minderjährige betroffen seien – würden nach Angaben des Unternehmens aktiv an die Ermittlungsbehörden weitergeleitet.
Viele Frauen ändern ihr Verhalten
Für die Betroffenen bleibt die Belastung dennoch groß. Judith Strieder von der Beratungsorganisation HateAid berichtet, viele Frauen entwickelten aus Angst vor weiteren Übergriffen ein regelrechtes Sicherheitsverhalten. Sie verzichten auf ihren echten Namen, verwenden keine Fotos, auf denen sie selbst Kleidung tragen, geben ihre Adresse möglichst spät heraus oder sorgen dafür, bei Abholungen nicht allein zu Hause zu sein.
Hinzu kommen häufig psychische Folgen wie Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Angstzustände sowie Gefühle von Ohnmacht und Kontrollverlust.
Strieder macht jedoch deutlich, dass dies keine dauerhafte Lösung sein könne. Nicht Frauen müssten ihr Verhalten ändern, sondern Plattformen und Täter stärker in die Verantwortung genommen werden.
Polizei bittet um Anzeigen
Obwohl konkrete Fallzahlen fehlen, appellieren die Polizeibehörden an Betroffene, sexuelle Belästigungen konsequent anzuzeigen. Nur wenn entsprechende Straftaten gemeldet würden, könnten Ermittlungen aufgenommen werden.
Alicia Osiik meldet verdächtige Nachrichten inzwischen direkt an Vinted. Zur Polizei möchte sie nach ihren Erfahrungen allerdings nicht noch einmal gehen.
Digitale Gewalt wird zum Massenphänomen
Experten beobachten seit Jahren, dass sich sexualisierte Gewalt zunehmend ins Internet verlagert. Verkaufsplattformen, soziale Netzwerke und Messenger-Dienste werden immer häufiger missbraucht, um Frauen zu belästigen, intime Inhalte zu verbreiten oder persönliche Fotos ohne Einwilligung weiterzugeben.
Der aktuelle Fall zeigt nach Einschätzung von Beratungsstellen, dass Online-Marktplätze längst nicht mehr nur Orte für den Handel mit Kleidung oder Gebrauchsgegenständen sind. Sie entwickeln sich zunehmend auch zu Tatorten digitaler Gewalt. Verbraucherschützer und Frauenrechtsorganisationen fordern deshalb strengere Sicherheitsmaßnahmen, mehr Transparenz bei den Plattformbetreibern und eine konsequentere Strafverfolgung.
Denn für viele Betroffene geht es längst nicht mehr nur um unangenehme Nachrichten – sondern um den Schutz ihrer Privatsphäre, ihrer Würde und ihrer Sicherheit im digitalen Raum.