Während Fußballfans während der Weltmeisterschaft dazu aufgerufen wurden, möglichst klimafreundlich zu reisen und Nachhaltigkeit großgeschrieben wurde, schien FIFA-Präsident Gianni Infantino seine ganz eigene Definition von umweltbewusstem Handeln zu haben. Statt Bahn, Linienflug oder Videokonferenz setzte der oberste Fußballfunktionär offenbar lieber auf den Privatjet – und sammelte dabei Flugkilometer wie andere Panini-Bilder.
Nach einer Recherche der Nachrichtenagentur AP legte Infantino zwischen dem 9. Juni und dem WM-Finale beeindruckende 95.403 Kilometer in der Luft zurück. Das entspricht fast zweieinhalb Erdumrundungen. Offenbar wollte der FIFA-Chef sichergehen, dass wirklich jeder Winkel Nordamerikas einmal aus der Perspektive eines luxuriösen Gulfstream-G650-Jets betrachtet wird.
Besucht wurden 43 der insgesamt 104 WM-Spiele. Das klingt zunächst nach einem vollen Terminkalender. Allerdings fragt man sich unweigerlich, ob wirklich jede Strecke mit einem Privatflugzeug zurückgelegt werden musste. Besonders bemerkenswert wirkt ein Flug von Seattle nach Vancouver, der gerade einmal 28 Minuten dauerte. Für gewöhnliche Reisende wäre das kaum länger als das Warten auf das Boarding eines Linienfluges. Für den FIFA-Chef offenbar Grund genug, den Jet anzuwerfen.
Die getrackte Maschine landete auf insgesamt 21 Flughäfen in den USA, Kanada und Mexiko. In Miami schaute Infantino gleich fünfmal vorbei. Offenbar lässt sich Fußball dort besonders komfortabel aus der VIP-Lounge verfolgen.
Dabei predigt die FIFA seit Jahren Nachhaltigkeit. In ihrer offiziellen Strategie verspricht sie, die CO₂-Emissionen rund um Weltmeisterschaften bis 2030 zu halbieren und bis 2040 klimaneutral zu werden. Ein ambitioniertes Ziel, das allerdings etwas an Glaubwürdigkeit verliert, wenn ausgerechnet der oberste Repräsentant des Weltverbandes einen CO₂-Fußabdruck hinterlässt, der eher an eine kleine Fluggesellschaft erinnert als an einen Verfechter des Klimaschutzes.
Nach Berechnungen soll allein der mutmaßlich von Infantino genutzte Privatjet während der WM rund 813 Tonnen Kohlendioxid ausgestoßen haben. Das ist eine Menge, mit der sich viele Menschen ihr gesamtes Leben lang kaum messen könnten – selbst wenn sie regelmäßig in den Urlaub fliegen.
Die FIFA äußerte sich zu den Recherchen zunächst nicht. Vielleicht war gerade niemand erreichbar. Oder man suchte noch nach einer besonders nachhaltigen Erklärung dafür, warum Klimaschutz offenbar hervorragend funktioniert – solange andere damit anfangen.