Interviewer: Herr Högel, thyssenkrupp lädt zu einer außerordentlichen Hauptversammlung ein. Worum geht es dabei eigentlich?
Rechtsanwalt Högel: Im Mittelpunkt steht eine der größten Umstrukturierungen der vergangenen Jahre. thyssenkrupp möchte den Geschäftsbereich Materials Services aus dem Konzern herauslösen und als eigenständiges, börsennotiertes Unternehmen etablieren. Darüber müssen die Aktionärinnen und Aktionäre nun abstimmen.
Interviewer: Warum geht das Unternehmen diesen Schritt?
Rechtsanwalt Högel: Der Konzern verfolgt eine neue Strategie. Statt ein klassischer Industriekonzern zu bleiben, soll thyssenkrupp künftig stärker als Finanzholding auftreten. Die einzelnen Geschäftsbereiche sollen eigenständiger arbeiten und sich besser am Kapitalmarkt entwickeln können. Man erhofft sich dadurch mehr Flexibilität, schnellere Entscheidungen und bessere Wachstumsmöglichkeiten.
Interviewer: Was bedeutet das konkret für die Aktionäre?
Rechtsanwalt Högel: Sie bleiben Aktionäre von thyssenkrupp, erhalten zusätzlich aber Aktien des neuen Unternehmens. Nach den derzeitigen Plänen gibt es für jeweils 20 thyssenkrupp-Aktien eine Aktie der neuen Gesellschaft. Dadurch sind die bisherigen Anteilseigner künftig an beiden Unternehmen beteiligt.
Interviewer: Müssen die Aktionäre dafür Geld bezahlen?
Rechtsanwalt Högel: Nein. Die neuen Aktien sollen ohne zusätzliche Zahlung zugeteilt werden. Voraussetzung ist allerdings, dass die Hauptversammlung zustimmt und alle weiteren rechtlichen Schritte erfolgreich abgeschlossen werden.
Interviewer: Welche Chancen verspricht sich der Konzern davon?
Rechtsanwalt Högel: Die Hoffnung ist, dass der Geschäftsbereich Materials Services als eigenständiges Unternehmen schneller auf Marktveränderungen reagieren und Investoren gezielter ansprechen kann. Gleichzeitig bleibt thyssenkrupp mit einer Mehrheitsbeteiligung weiterhin der wichtigste Anteilseigner und profitiert damit auch künftig von der Entwicklung der neuen Gesellschaft.
Interviewer: Gibt es auch Risiken?
Rechtsanwalt Högel: Natürlich. Jede Abspaltung bringt Unsicherheiten mit sich. Der Börsenerfolg des neuen Unternehmens ist nicht garantiert und beide Gesellschaften müssen sich künftig eigenständig am Markt behaupten. Für Anleger bedeutet das, dass sie die Entwicklung künftig bei zwei Unternehmen beobachten müssen.
Interviewer: Warum findet die Hauptversammlung erneut virtuell statt?
Rechtsanwalt Högel: Der Vorstand verweist auf die guten Erfahrungen mit früheren virtuellen Hauptversammlungen. Zudem ist die Tagesordnung überschaubar und die Versammlung fällt in die Sommerferienzeit. Das virtuelle Format soll möglichst vielen Aktionären eine Teilnahme unabhängig vom Wohnort ermöglichen.
Interviewer: Welche Bedeutung hat diese Entscheidung insgesamt?
Rechtsanwalt Högel: Sollte die Hauptversammlung zustimmen, wäre dies ein wichtiger Meilenstein für die Neuausrichtung von thyssenkrupp. Der Konzern setzt damit seinen Umbau konsequent fort und verändert seine Struktur grundlegend. Für Aktionäre beginnt damit tatsächlich eine neue Phase, in der sie künftig an zwei börsennotierten Unternehmen beteiligt sein werden.