Dark Mode Light Mode

Goldrausch, Villen und die längste Rückabwicklung der Welt

stevepb (CC0), Pixabay

Es gibt Reality-Shows, bei denen man sich fragt, ob das echte Leben nicht doch etwas übertrieben dargestellt wird. Und dann gibt es Fälle, bei denen das echte Leben plötzlich spannender wird als jede Drehbuchidee.

So ungefähr dürfte es derzeit bei der TGI und Familie Kaltenegger laufen.

Noch vor wenigen Wochen konnten Fernsehzuschauer in der Sendung „Die Kalteneggers – Eine Familie wie im Goldrausch“ verfolgen, wie das Leben aussieht, wenn Gold offenbar nicht nur glänzt, sondern gleich ganze Villen, Pools, Luxusautos und Opernball-Abende finanziert.

Die Botschaft war klar: Während andere auf Sparbücher setzen, lebt man hier bereits im Goldenen Zeitalter.

Vom Goldrausch zur Behördenrallye

Doch dann bekam die Reality-Show plötzlich Konkurrenz.

Nicht von Netflix.

Nicht von Amazon Prime.

Sondern von der Staatsanwaltschaft Liechtenstein.

Diese ließ Anfang Juni die Firmenzentrale von TGI in Vaduz durchsuchen. Ermittlungen wegen des Verdachts auf gewerbsmäßigen Betrug, Geldwäsche und möglicher Verstöße gegen das Bankengesetz wurden bekannt. Für alle Betroffenen gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.

Während andere Serien mit Cliffhangern arbeiten, reicht in diesem Fall offenbar eine Hausdurchsuchung für die nächste Staffel.

Die Villa kam vor dem Behördenbesuch

Besonders bemerkenswert wirkt der zeitliche Ablauf.

Am 13. April wurde laut Medienberichten eine Villa in Baden bei Wien erworben.

700 Quadratmeter Wohnfläche.

Pool.

Poolhaus.

Sechs Stellplätze.

Zwiebeltürmchen.

Kaufpreis: 4,5 Millionen Euro.

Eine Woche später veröffentlichte die deutsche Finanzaufsicht BaFin ihre „klare Einordnung“ der TGI-Produkte.

Nur fiel diese Einordnung etwas anders aus als erhofft.

Statt Lob gab es Vertriebsverbote für bestimmte Produkte in Deutschland.

Man könnte sagen: Der Pool war vermutlich schneller fertig als die regulatorische Großwetterlage.

Die Reality-Show verschwindet plötzlich

Noch kurioser wurde es bei der TV-Serie.

Während in Kundenchats angeblich von neuen Dreharbeiten die Rede war, erklärte Puls 4 auf Nachfrage, dass es keine beauftragten Dreharbeiten für eine weitere Staffel gebe.

Kurz darauf verschwand die erste Staffel aus der Mediathek.

Fernsehhistoriker sprechen inzwischen vom ersten Fall einer Sendung, die gleichzeitig existierte und nicht existierte.

Quasi „Schrödingers Goldrausch“.

Das Geheimnis der Rückabwicklung

Besondere Aufmerksamkeit erhielt auch die Frage, wie Kunden ihre Verträge rückabwickeln können.

Hier entwickelte sich eine ganz neue Zeitrechnung.

Nach Angaben des Unternehmens könne eine Rückabwicklung „sehr, sehr, sehr, sehr lange“ dauern.

Wie lange genau, blieb offen.

Historiker vermuten inzwischen, dass die Bearbeitungszeit irgendwo zwischen dem Bau der Cheops-Pyramide und dem Ende des Berliner Flughafens liegen könnte.

Stattdessen wurde Kunden eine Vertragsnovation empfohlen.

Ein Wort, das viele Anleger zuvor vermutlich ebenso selten gehört hatten wie „steuerfreie Goldrabatte mit dreistelligen Ertragsversprechen“.

Gold, Rabatte und große Fragen

Das Geschäftsmodell selbst klingt für Außenstehende ungefähr so:

Kunden kaufen Gold.

Warten teilweise mehrere Jahre auf die Lieferung.

Erhalten währenddessen monatliche Zahlungen.

Und sollen am Ende sowohl Gold als auch erhebliche Rabatte erhalten.

Die Finanzierung soll laut TGI über Gewinne von Partnerunternehmen erfolgen.

Kritiker stellen dazu Fragen.

Behörden stellen dazu Fragen.

Medien stellen dazu Fragen.

Und mittlerweile vermutlich auch einige Kunden.

Staffel zwei schreibt sich selbst

Fest steht: Die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende.

TGI weist sämtliche Vorwürfe zurück, betont die Zusammenarbeit mit Behörden und verweist darauf, gesetzeskonform gehandelt zu haben.

Die Ermittlungen laufen.

Die Aufsichtsbehörden beschäftigen sich weiter mit dem Fall.

Und irgendwo sitzt vermutlich ein TV-Produzent und denkt sich:

„Eigentlich bräuchten wir die Reality-Show gar nicht mehr. Die Nachrichten liefern inzwischen die besseren Drehbücher.“

Hinweis: Gegen TGI und beteiligte Personen laufen Ermittlungen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Das Unternehmen weist die erhobenen Vorwürfe zurück.

Kommentar hinzufügen Kommentar hinzufügen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Previous Post

Bank of Japan erhöht Leitzins auf höchsten Stand seit mehr als drei Jahrzehnten

Next Post

Windpark Krummensee-Süd: Gewinnsprung bei minimalem Anlagevermögen – was steckt hinter dem überraschenden Jahresüberschuss?