Es ist ein Börsenereignis, das weltweit für Aufsehen sorgt. Mit dem geplanten Börsengang von SpaceX könnte Elon Musk nicht nur Finanzgeschichte schreiben, sondern auch den größten Börsengang aller Zeiten auf den Weg bringen. Die Bewertung des Raumfahrtunternehmens soll bei rund 1,75 Billionen US-Dollar liegen – eine Summe, die selbst viele der größten Konzerne der Welt in den Schatten stellt.
Doch während Fans von Elon Musk von einer neuen Ära der Raumfahrt und Technologie träumen, warnen Anlegerschützer und Finanzexperten vor überzogenen Erwartungen. Die zentrale Frage lautet: Kaufen Anleger tatsächlich ein außergewöhnliches Unternehmen – oder bezahlen sie vor allem für eine Vision?
Ein Unternehmen, das die Raumfahrt revolutioniert hat
Kaum ein Unternehmen hat die Raumfahrtindustrie in den vergangenen Jahren so stark verändert wie SpaceX. Mit wiederverwendbaren Raketen, kostengünstigen Starts und einer beispiellosen Innovationsgeschwindigkeit hat das Unternehmen den Markt grundlegend umgekrempelt.
Heute dominiert SpaceX den weltweiten Raketenmarkt. Kaum ein Wettbewerber kann bei Startfrequenz, Kostenstruktur und technologischer Leistungsfähigkeit mithalten.
Hinzu kommt das Satelliteninternet Starlink. Das Netzwerk aus Tausenden Satelliten versorgt inzwischen Millionen Kunden weltweit mit Internetzugängen und entwickelt sich zunehmend zu einer wichtigen Einnahmequelle.
Anders als viele Technologieunternehmen vor ihrem Börsengang verfügt SpaceX somit über reale Produkte, reale Kunden und milliardenschwere Umsätze.
Die gigantische Bewertung sorgt für Kritik
Gerade deshalb richtet sich die Kritik vieler Analysten weniger gegen das Unternehmen selbst als gegen dessen Bewertung.
Mit einer angestrebten Marktkapitalisierung von 1,75 Billionen Dollar würde SpaceX zu den wertvollsten Unternehmen der Welt aufsteigen. Gleichzeitig entspricht diese Bewertung nach aktuellen Berechnungen dem etwa 93-fachen des Jahresumsatzes.
Für viele Finanzexperten ist das eine äußerst ambitionierte Annahme.
Eine der renommiertesten Analysefirmen weltweit, Morningstar, schätzt den fairen Unternehmenswert auf lediglich rund 780 Milliarden Dollar. Damit läge die Bewertung weniger als halb so hoch wie die geplante Börsenbewertung.
Die Differenz macht deutlich, wie viel Zukunftshoffnung bereits im Ausgabepreis steckt.
Anleger investieren in Erwartungen
Die Diskussion erinnert an frühere Technologie-Hypes.
Wer SpaceX-Aktien zeichnet, investiert nicht allein in die aktuellen Geschäftsbereiche Raketenstarts und Satelliteninternet. Vielmehr setzen viele Anleger darauf, dass Elon Musk auch in Zukunft immer neue Geschäftsfelder erschließt.
Dazu zählen unter anderem:
- globale Kommunikationsnetze,
- militärische Raumfahrtprojekte,
- künstliche Intelligenz,
- Mond- und Marsmissionen,
- zukünftige Weltraumlogistik.
Ob und wann diese Visionen tatsächlich wirtschaftlich erfolgreich werden, ist allerdings offen.
Milliardenumsätze – aber weiterhin Verluste
Hinzu kommt ein weiterer Faktor, der von vielen Euphorikern gerne ausgeblendet wird.
Trotz hoher Umsätze schreibt SpaceX weiterhin Verluste. Nach jüngsten Angaben belastet insbesondere die Entwicklung der gigantischen Starship-Rakete die Bilanz erheblich.
Allein die Kosten für Forschung, Entwicklung und Testprogramme verschlingen Milliardenbeträge.
Die Hoffnung der Anleger besteht darin, dass diese Investitionen künftig enorme Erträge ermöglichen. Garantien dafür gibt es jedoch nicht.
Künstliche Verknappung könnte Kurs antreiben
Besonders kritisch betrachten Anlegerschützer die Struktur des Börsengangs.
Nach den bisherigen Plänen sollen weniger als fünf Prozent der Unternehmensanteile unmittelbar frei handelbar sein. Damit bleibt der überwiegende Teil der Aktien in den Händen bestehender Eigentümer.
Ein so geringer Streubesitz kann zu starken Kursbewegungen führen. Wenn viele Anleger gleichzeitig kaufen möchten, aber nur wenige Aktien verfügbar sind, steigen die Kurse häufig deutlich an.
Solche Entwicklungen haben in der Vergangenheit immer wieder spekulative Übertreibungen ausgelöst.
ETF-Käufe könnten zusätzliche Nachfrage erzeugen
Ein weiterer möglicher Kurstreiber liegt in den Regeln der großen Börsenindizes.
Bereits wenige Wochen nach dem Börsengang könnte SpaceX in wichtige Nasdaq-Indizes aufgenommen werden. In diesem Fall wären zahlreiche ETFs und Indexfonds gezwungen, die Aktie zu kaufen.
Diese sogenannten passiven Investoren orientieren sich ausschließlich an den Indexvorgaben und berücksichtigen keine Bewertungskriterien.
Schätzungen zufolge könnten dadurch innerhalb kurzer Zeit zweistellige Milliardenbeträge in die Aktie fließen.
Für den Kurs wäre das kurzfristig positiv. Kritiker warnen jedoch, dass dadurch eine zusätzliche Entkopplung zwischen Börsenwert und fundamentaler Unternehmensbewertung entstehen könnte.
Elon Musk bleibt der entscheidende Faktor
Ein weiteres Risiko sehen Experten in der starken Abhängigkeit vom Unternehmensgründer.
Elon Musk gilt als Visionär, Innovator und einer der erfolgreichsten Unternehmer seiner Generation. Gleichzeitig sorgt er regelmäßig für Kontroversen und politische Debatten.
Viele Investoren verbinden den Erfolg von SpaceX unmittelbar mit seiner Person.
Das kann Chancen bieten, birgt aber auch Risiken. Sollte Musk künftig an Einfluss verlieren oder sich stärker anderen Projekten widmen, könnte dies das Vertrauen der Anleger beeinträchtigen.
Hinzu kommt, dass die Mitspracherechte neuer Aktionäre nach Einschätzung von Anlegerschützern äußerst begrenzt ausfallen dürften.
Größter Börsengang der Geschichte
Ungewöhnlich ist auch die Preisgestaltung. Bereits vor dem eigentlichen Handelsstart steht der Ausgabepreis bei 135 US-Dollar je Aktie fest.
Ob interessierte Anleger tatsächlich Aktien erhalten, hängt von der Nachfrage ab. Über die Zuteilung entscheiden die Konsortialbanken gemeinsam mit dem Unternehmen.
Sollte die Nachfrage die verfügbaren Anteile deutlich übersteigen, könnten viele Anleger leer ausgehen.
Zwischen Faszination und Vorsicht
Kaum ein Unternehmen verkörpert den technologischen Fortschritt derzeit so stark wie SpaceX. Die Innovationskraft des Konzerns ist unbestritten, ebenso seine Bedeutung für die Zukunft der Raumfahrt.
Für Anleger ergibt sich daraus jedoch nicht automatisch ein attraktives Investment.
Der geplante Börsengang vereint nahezu alle Zutaten eines Börsenhypes: einen charismatischen Gründer, revolutionäre Technologien, enorme Zukunftsvisionen, eine knappe Aktienverfügbarkeit und eine außergewöhnlich hohe Bewertung.
Ob daraus langfristig eine Erfolgsgeschichte oder eine Enttäuschung für Anleger wird, dürfte sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Fest steht jedoch schon heute: Wer in SpaceX investiert, kauft nicht nur ein Unternehmen. Er kauft vor allem den Glauben daran, dass Elon Musk auch die nächste technologische Revolution erfolgreich gestalten wird.