Auf deutschen Bankkonten liegen offenbar Milliardenbeträge, die niemand mehr aktiv beansprucht. Es geht um sogenannte nachrichtenlose Konten – Konten, Sparbücher oder Guthaben, bei denen Banken über Jahrzehnte keinen Kontakt mehr zu den Eigentümern oder möglichen Erben haben.
Schätzungen zufolge könnten sich auf solchen Konten zwischen vier und neun Milliarden Euro befinden. Eine Summe, die inzwischen auch politisch zunehmend Aufmerksamkeit erhält.
Besonders brisant: In Deutschland existiert bislang keine klare gesetzliche Regelung, wie mit diesen Geldern langfristig umzugehen ist. Während andere Länder längst staatliche Fonds oder zentrale Meldesysteme geschaffen haben, bleibt das Geld hierzulande häufig jahrelang bei den Banken.
Oft entstehen solche „vergessenen Vermögen“, wenn Kontoinhaber sterben und Angehörige nichts von bestimmten Sparbüchern oder Konten wissen. Teilweise gibt es auch keine Erben oder Unterlagen gehen im Laufe der Jahrzehnte verloren. Bleibt ein Konto über sehr lange Zeit unberührt, schließen Banken es häufig irgendwann intern – behalten das Geld aber zunächst.
Juristisch bleibt die Situation kompliziert. Denn selbst wenn ein Konto jahrzehntelang inaktiv war, können berechtigte Erben oder Eigentümer theoretisch weiterhin Ansprüche geltend machen. Banken müssten das Geld dann auszahlen.
Genau deshalb bewegt sich das Thema in einem sensiblen Spannungsfeld zwischen Eigentumsrechten und öffentlichem Interesse.
Die Bundesregierung hat das Problem inzwischen erkannt. Im Koalitionsvertrag wurde angekündigt, einen Fonds für soziale Innovationen einzurichten, der möglicherweise mit Geldern aus solchen nachrichtenlosen Konten gespeist werden könnte.
Kritiker sehen darin allerdings auch erhebliche rechtliche und moralische Fragen. Denn letztlich handelt es sich weiterhin um Privatvermögen – selbst wenn die Eigentümer unbekannt oder verstorben sind.
Besonders umstritten ist die Rolle der Banken. Verbraucherschützer kritisieren seit Jahren mangelnde Transparenz beim Umgang mit nachrichtenlosen Konten. Viele Institute veröffentlichen keine genauen Zahlen darüber, wie viele solcher Konten existieren oder welche Summen darauf liegen.
Zudem gibt es bislang kein zentrales öffentliches Register, über das Angehörige gezielt nach vergessenen Guthaben suchen könnten. Wer vermutet, dass verstorbene Familienmitglieder noch alte Konten besaßen, muss oft mühsam einzelne Banken kontaktieren.
Andere Länder sind hier deutlich weiter. In Großbritannien beispielsweise existiert seit Jahren ein staatlich reguliertes System für ruhende Konten. Ein Teil der Gelder fließt dort in soziale Projekte, gleichzeitig bleiben Rückforderungen berechtigter Eigentümer weiterhin möglich.
Deutschland hinkt laut Experten hinterher. Professor Andreas Walter von der Frankfurt School of Finance & Management spricht deshalb von einem klaren Regelungsdefizit.
Die Debatte zeigt zugleich ein tieferliegendes Problem moderner Finanzsysteme: Vermögen werden immer komplexer verteilt. Menschen besitzen mehrere Konten, digitale Depots, Online-Zahlungsdienste oder internationale Finanzprodukte. Nach Todesfällen verlieren Angehörige oft schnell den Überblick.
Hinzu kommt die demografische Entwicklung. Mit einer alternden Gesellschaft dürfte die Zahl ungeklärter Vermögenswerte in den kommenden Jahren weiter steigen.
Kritiker warnen allerdings davor, den Milliardenbetrag vorschnell als „freies Geld“ für staatliche Projekte zu betrachten. Schließlich könnten sich jederzeit Erben oder Berechtigte melden. Zudem wäre ein staatlicher Zugriff politisch heikel und verfassungsrechtlich sensibel.
Auch Banken stehen unter Druck. Denn je länger Gelder ohne klare Zuordnung verwaltet werden, desto größer wird die Verantwortung für Dokumentation, Aufbewahrung und mögliche spätere Ansprüche.
Die Diskussion über die Milliarden auf herrenlosen Konten könnte deshalb bald weitreichendere Folgen haben – von neuen gesetzlichen Meldepflichten über zentrale Suchregister bis hin zu staatlich verwalteten Fondsmodellen.
Fest steht bereits jetzt: Hinter den scheinbar vergessenen Konten verbirgt sich nicht nur ein enormes finanzielles Volumen, sondern auch eine bislang ungelöste Frage darüber, wem dieses Geld langfristig eigentlich gehört – und wer darüber entscheiden darf.